Und das alles an einem Tag
Seit heute Vormittag 10 Uhr habe ich kein Internet mehr. Eingebrockt habe ich mir das zum Teil selbst, natürlich ohne etwas zu ahnen. Mein Mitbewohner ist in ein Haus in der Nachbarschaft umgezogen. Das Internet läuft auf seinen Namen und er wollte den Anschluss mit zu sich rübernehmen – zum Ende des Monats, wenn meine neue Leitung steht. Aber dank hervorragender Serviceleistung schaffte es sein Provider, ihm schon heute einen Termin zur Installation zu geben, und das Unglück nahm seinen Lauf.
Was heute geschah:
8:30 Aufschlagen in der neuen Wohnung von Felix, meinem Ex-Mitbewohner. Ein Techniker installiert gerade das Internet. Selbe Marke, die wir uns zuvor geteilt haben. Felix wollte das Internet erst Ende des Monats zu sich rüberholen, hat aber nun schon früher einen Termin bekommen. Ich soll aufpassen, dass der Techniker auch ordentlich arbeitet.
8:50 Felix geht zur Arbeit, Techniker fuhrwerkelt noch immer am Internetanschluss herum. Ich hoffe, er beeilt sich. Spätestens um 10 muss ich auch anfangen zu arbeiten.
9:30 Techniker war nun schon zweimal im Keller, um etwas zu überprüfen und an seinem Wagen um Ersatzteile zu holen, glaubt, dass das Modem nicht funktioniert. Ruft bei seiner Firma an und wartet geschlagene fünf Minuten in der Warteschleife.
9:55 Techniker hat getan, was er konnte. Modem sei installiert, Problem liege in der „Netzebene 4“. Sein Unternehmen sei „Netzebene 3“. Internet wird in ein paar Tagen funktionieren. Schönen Tag noch.
9:59 Wieder zu Hause (Felix wohnt in der Nachbarschaft), mit Arbeit beginnen. Mails abrufen. Internet geht nicht mehr. Wohl eine kurze Störung im WLAN-Router.
10:15 Internet geht immer noch nicht. Auch nicht nach Neustart von Modem, Router, Verbindung an sich und dem Rechner. Wohl ne längere Störung. Ich kann nichts machen als erst einmal zu frühstücken.
10:40 Internet geht immer noch nicht. Mein Auftraggeber sollte eigentlich schon vor zehn Minuten die heutige Themenauswahl von mir zugeschickt bekommen haben. Ich rufe an, diskutiere Themen am Telefon, beschwere mich über mein Internet.
11:10 Internet geht immer noch nicht. Solch eine lange Störung? Ich rufe Felix an und beschwer mich. Ob es eventuell etwas damit zu tun haben könnte, dass der Techniker die Leitung gerade bei ihm installiert hat, frage ich. Kann eigentlich nicht, sagt er. Das sollte ja erst Ende des Monats…
11:20 Anruf bei Freundin: Soll Telefonnummer der Internet-Störungshotline herausfinden.
11:25 Anruf bei Stöungshotline. „Das liegt natürlich daran, dass wir den Anschluss heute umgeklemmt haben!“, versichtert die Mitarbeiterin. „Oje…“ sage ich.
12:05 Warten im Internetcafe. Internet bei Felix funktioniert nicht, sein Bruder (wohnt auch in der Nachbarschaft) ist nicht zuhause, mein Nachbar Andreas geht nicht ans Handy, mein Hausnachbar Frank nicht an die Tür, Rechner im Internetcafe erkennt meinen USB-Stick nicht. Seltsamerweise bin ich noch immer frohen Mutes.
12:15 Noch immer online im Internetcafe. Treffe meinen Nachbarn Andreas zufällig bei ICQ. Ob ich vorbeikommen könnte, um mir eben meine Arbeit „herunterzuladen“. Ich kann. Glück gehabt.
12:30 Sturmklingeln bei Andreas. Er öffnet nicht. Hm, das ist doch das richtige Haus? Vergewissere mich vorsichtshalber bei den Nachbarn, klingele noch einmal und lass dann auf seinem Handy klingeln. Keine Reaktion. Wende mich zum Gehen, plötzlich steht Andreas in der offenen Haustür. Klingel sei manchmal kaputt.
12:50 Sitze bei Andreas und lade meine Arbeit herunter. So weit schon mal so gut. Alles andere wird weniger schlimm. Andreas schenkt mir eine DVD, die er doppelt hat. Dazu wäre es nicht gekommen, wenn mein Internet funktioniert hätte!
14:30 Arbeite. Auftraggeber war am Telefon sehr gnädig, wahrscheinlich auch, weil ich ihm die ganze Wahrheit erzähle. Hauptsache die Texte kämen vollständig an, sagt er. Gerne auch was später. Sehr nett.
16:30 Chef ruft an und fragt ob alles gut laufe. Könnte besser, sage ich.
19:00 Fertig mit Arbeit, müsste sie nur noch verschicken. Neue Idee: Hausnachbar Frank hat auch WLAN. Klingele bei ihm und biete ihm 10 Euro, wenn ich für den Rest des Monats seinen Anschluss mit nutzen darf. Ob ich verrückt sei, dafür Geld anzubieten, fragt er.
19:50 Frank und ich laden Software herunter und versuchen das WLAN zum Laufen zu bringen. Seine Funkstation ist aber zwei Stockwerke weiter unten und meine eingebaute WLAN-Karte ist alt. Bekomme nur im Treppenhaus eine Verbindung zustande. Schleppe meinen Laptop von meinem Zimmer ins Treppenhaus und wieder zurück, aber die Verbindung reißt ab. Ob das bis morgen erstmal so ginge, fragt Frank.
20:00 Stehe im Treppenhaus und verschicke meine Arbeit per E-Mail. Es funktioniert – auf Anhieb. Morgen werden Frank und ich es mal mit einem langen LAN-Kabel oder Powerline-Adaptern versuchen. Oder Felix’ Bruder Dave lässt mich seinen Anschluss für ein paar Stunden benutzen, während er arbeitet. Oder ich arbeite im Treppenhaus.
20:15 Denke mir, was für ein abwechslungsreicher Tag das doch war. Den Stress müsste ich nicht jeden Tag haben, schon gar nicht erkältungsgeschwächt. Aber die Hilfe von so vielen netten Leuten: jederzeit wieder.
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Leidartikel ist das private Blog von Jürgen Vielmeier, Journalist, Redakteur, Autor, Innovationsberater. Leidartikel hat kein festes Thema. Hier poste ich, was ich auf dem Herzen habe wannimmer es etwas zu erzählen gibt.Seiten
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