readers-edition.gif

Die Readers Edition ist eine Web-2.0-Plattform, wie sie im Buche steht: Die Inhalte dieser Online-Zeitung werden ausschließlich von Nutzern generiert – selbstverständlich ohne dass sie dafür entlohnt werden. Ende Februar hat das Projekt bei den Lead Awards eine Urkunde für das Weblog des Jahres erhalten. Michael Meier, Gründer der Netzeitung, hat sein Mutterschiff verlassen und sieht die Zukunft allein in Web 2.0 und eben der Readers Edition. Aber können Leser und Hobbyschreiber wirklich guten Journalismus liefern? Ist die Readers Edition vielleicht doch nicht mehr als ein Blog? Oder ist das schon längst dasselbe?

Die heutigen Topthemen in der Readers Edition ähneln denen anderer Nachrichtenmagazine im Web: Ein Kommentar über die aufreizenden Fotos der CSU-Politikerin Gabriele Pauli, eine Meldung mit dem Eisbärenbaby Knut als Aufhänger. Meistgelesener Artikel ist “Verblöden wir und merken es nicht?“, ein wirklich gut geschriebener Kommentar über unseren seltsamen Alltag. Artikel der Woche ist “Einmal Hölle und zurück“, eine Buchrezension. Schnell fällt auf: Hier haben auch Artikel Platz, die bei Spiegel.de, Sueddeutsche.de oder Netzeitung.de in der Art nicht vorkommen.

Aber wie sieht es mit der Qualität aus? Der Autor des Artikels über Gabriele Pauli nennt die Politikerin den ganzen Artikel über “Frau Pauli” oder “Frau Dr.Pauli” ohne den Vornamen zu nennen. Im Artikel werden zwei Zitate willkürlich untereinander gesetzt. Journalistische Anfängerfehler könnte man das nennen. Formulierungen “weiß im Moment niemand so recht”, “Viele werden sich fragen” und “hört man es von überallher unken”, würden Ausbilder an Journalistenschulen als schlecht recherchierte Mutmaßung bezeichnen. Immerhin: Der Autor streut ein paar bayerische Weisheiten mit ein, schreibt leserlich und hat ein großformatiges dpa-Foto eingebaut. Das darf er, weil es vorher schon bei Netzeitung.de zu finden war und die Kollegen die Rechte ausgehandelt haben – ein Vorteil, den gewöhnliche Blog-Betrieber nicht ausspielen können.

Die Chef-Moderatorin hat das Schiff verlassen

Ein beliebter Artikel ist derzeit die Buchrezension “Einmal Hölle und zurück“. Eine Meldung, dass Burda bei Sevenload einsteigt, war heute in allen Medien zu finden und bedarf keiner aufwändigen Recherche, außer bei Google News. Alles in allem findet sich auf Readers Edition also sehr viel Meinung und Meldung, dafür wenig objektiver Bericht. Also doch eher Blog als Journalismus?

Aber halt: Hier findet sich noch ein Beitrag, der nicht schlecht recherchiert ist und ganz oben in der Beliebtheitsskala rangiert: “Britische Wirtschaft prescht voran“. Autor: Redaktion Readers Edition. Hier hat die Handvoll Redakteure also einmal selbst Hand angelegt und Beiträge geschrieben. Vielleicht als Anhaltspunkt für andere Autoren. Gibt es also auch fest angestellte Redakteure bei der Readers Edition, die richtig Geld damit verdienen? Es scheint zweifelhaft, wie eine Pressemeldung über das Ausscheiden der Chef-Moderatorin Ursula Pidun Ende Februar verdeutlicht:

“Ursula Pidun hat Ende Februar entschieden, dass sie den notwendigen Arbeits- und Zeiteinsatz, der für die Mitarbeit bei der Readers Edition an verantwortlicher Stelle als Chef-Moderatorin nötig ist, nicht mehr mit ihren anderen beruflichen Aufgaben und Zielsetzungen vereinbaren kann.”

Redaktion ohne Kosten

Das heißt übersetzt: Sie hat die Arbeit machen müssen ohne dafür Geld zu bekommen, und nach ein paar Wochen war ihr das zu blöd. Vielleicht ist auch genau das der Knackpunkt bei der Readers Edition: Es finden sich sicherlich viele Menschen, die gerne schreiben, hin und wieder sicherlich auch Journalistik-Studenten, die mal etwas ausprobieren und veröffentlichen möchten. Blogger wissen, dass sie in einer Viertelstunde einen ganzen Text herunterschreiben können über das, was sie gerade bewegt und was sie denken. Aber eine echte Recherche kostet viel Zeit und damit auch Geld. Und wer macht sich schon dauerhaft den Aufwand, wenn er dafür kein Geld bekommt?

Die Macher der Readers Edition können noch so viel damit werben, dass ihr Portal Web 2.0 ist und Beiträgen von Nutzern die Zukunft gehört. Was sie letztendlich wollen, ist nichts anderes als eine Online-Zeitung aufzubauen, ohne ihren Autoren etwas dafür zahlen zu müssen. Sie mögen Inhalte kostenlos bekommen, aber Qualität zum Nulltarif können sie dabei nicht erwarten. Wer als Autor sein Bedürfnis, bekannt zu werden, auf der Readers Edition lange genug gestillt hat, der wird sich sicherlich zweimal fragen, ob er seine Energie nicht lieber für ein eigenes Blog aufwendet. Denn nichts anderes ist die Readers Edition und wird sie auch bleiben: Ein gut gemachtes Blog, aber keine Zeitung.


Verwandte Beiträge

  1. Endlich mal wieder ein richtiges Blog
  2. „Leserzeitungen sind bereits Gegenwart“ – ein Interview über Bürgerjournalismus mit Ursula Pidun
  3. Jazzculture.de – Beneidenswert gutes Webdesign
 

6 Responses to Die Readers Edition: Gutes Blog oder miese Abzocke freier Journalisten?

  1. Was sie letztendlich wollen, ist nichts anderes als eine Online-Zeitung aufzubauen, ohne ihren Autoren etwas dafür zahlen zu müssen.
    Ich sehe das nicht so negativ. Ich glaube, man versucht hier (nter anderem) junge Schreiber zu entdecken. Etliche sind nämlich ziemlich jung. Für andere Freizeitschreiber dient es als Ventil – man hofft hier ein grösseres Publikum zu finden. Ich habe es bisher einmal dort versucht – Reaktionen gab es aber gar keine (ausser die Bewertung des Beitrages, die anonym erfolgen kann und daher für den Schreiber relativ wertlos ist).

    Ich finde das Übermass der “bunten Themen” dort auch störend; wenn ich Fussballberichte oder über die Fotos von Frau Pauly was lesen will, dann kann ich das in ca. 40 anderen Medien auch schon tun. Zur Diversifikation bzw. Auswahl reichen aber vermutlich die Anzahl der Beiträge nicht. Bereits jetzt erscheinen einige Beiträge unter “Reaktion” – für mich ein Zeichen, dass Schreiber fehlen (und man die Beiträge schneller durchrouten möchte).

    Meinung statt Recherche ist nicht schlimm (hat man ja bei Weblogs meistens). Was mich stört, ist die Fülle der trivialen (und nichtigen) Themen. Das ist aber fast implizit in der Attribuierung “Online Zeitung” festgeschrieben. Weniger wäre mehr – vor allem mehr Qualität wäre wünschenswert.

  2. JayWalker sagt:

    Hallo Gregor, ich finde, du hast natürlich recht: Readers Edition bietet jungen, neuen Leuten die Chance, endlich mal was zu veröffentlichen und dabei auch gelesen zu werden. Aber als Alternative zu einer Online-Zeitung kann es dabei niemals dienen, allenfalls als Sprungbrett hierzu. Denn dauerhaft kostenlosen Content zu liefern, das geht einfach nicht. Und da die Qualität auf der Strecke bleibt und es mehr Meinung ist, bleibt Readers Edition für mich ein Blog und keine Zeitung.

    Danke für deinen Beitrag!

  3. Mich stört ein bisschen die (künstliche?) Trennung zwischen “Blog” und “Zeitung”, die auch Qualität insinnuiert. Ist jede Zeitung per se qualitativ “besser” als ein Blog (mal abgesehen davon, dass beide “Medien” nicht vergleichbar sind)? Ist ein Artikel über ein bestimmtes Thema in einem Blog immer schlechter dargestellt als in einem Blog? Ich glaube nicht, dass dies a priori feststellen kann.

    Natürlich ist RE (im Moment) ein Blog, der sich zeitungsähnlich mit (diversen [zu vielen?]) Themen beschäftigt. Ich finde das Nacheifern einer gewissen Konformität schade; das ist arg populistisch. Du hast das an dem Pauli-Artikel schön illustriert; der Beitrag ist in jeder Hinsicht eine Katastrophe (furchtbar anbiedernd und bigott).

  4. JayWalker sagt:

    Pauschal würde ich das wirklich so nicht sagen, auch da gebe ich dir Recht: Blogs können manchmal sogar mehr als der ach-so-kritische Nachrichtenjournalismus. Siehe deinen sehr guten Beitrag über die “Koran-Richterin”.

    Trotzdem finde ich in Blogs aufwändig recherchierte Beiträge eher seltener. Es ist halt nunmal leichter, einfach runterzuschreiben was man denkt. Vielleicht sogar ohne dabei zu denken. Das kann man in einer seriösen Zeitung, die sich an journalistische Richtlinien hält, in der Regel nicht.

    Ich hab ja auch nichts gegen eigentlich innovative Projekte wie Readers Edition. Aber wenn sie wirklich Qualität wollen, dann sollen sie meiner Meinung nach auch bitteschön etwas dafür bezahlen.

  5. [...] Dafür leidet oft die Qualität. Auch Leidartikel.de hat neulich die Qualität der Readers Edition bemängelt, dem ersten Versuch in Deutschland, ein Webportal für Bürgerjournalismus aufzubauen. Ursula Pidun [...]

  6. [...] Readers Edition – Miese Abzocke freier Journalisten? [222 x gelesen] [...]

Einen Kommentar hinterlassen

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Set your Twitter account name in your settings to use the TwitterBar Section.