Oscarverleihung: Die großen Verlierer der letzten Jahre
Dieses Mal sind endlich einmal alle zufrieden: Martin Scorsese gewinnt im achten Anlauf den Oscar als bester Regisseur für “The Departed”, der gleichzeitig auch bester Film wird. Nicht immer hat in den vergangenen Jahren der große Favorit gewonnen. Eine Rückschau.
2007. Gewinner: The Departed.
Verlierer: Letters from Iwo Jima, Babel, The Queen, Little Miss Sunshine.
“The Queen” und “Little Miss Sunshine” wurden ohnehin nur Außenseiterchancen eingeräumt, und die Academy wollte Clint Eastwood nach “Million Dollar Baby” und “Earbarmungslos” nicht schon zum dritten Mal mit einem Oscar verleihen. Deswegen lief sein Kriegsfilm aus japanischer Sicht, “Letters from Iwo Jima” nur unter “ferner liefen…”. Großer Verlierer des Abends ist allerdings “Babel”. Das sehr eindrucksvoll verfilmte Drama über sprachliche Missverständnisse war vielleicht noch nicht eindrucksvoll genug.
2006. Gewinner: L.A. Crash.
Verlierer: München, Brokeback Mountain, Capote, Good Night and Good Luck.
Das Rassismusdrama “L.A. Crash” ist wahrlich ein guter Film, der sein Ziel nicht verfehlt. Trotzdem hätte nach all den Vorschusslorbeeren eigentlich “Brokeback Mountain” gewinnen müssen. Die tragische Romanze über zwei schwule Cowboys überzeugt sowohl von der Regie als auch von den Darstellern. Vielleicht war die Zeit für das Thema Homosexualität noch nicht gekommen, wahrscheinlicher aber ist, dass die Academy mit “L.A. Crash” ein Zeichen gegen Rassismus setzen wollte.
2005. Gewinner: Million Dollar Baby.
Verlierer: Aviator, Finding Neverland, Ray, Sideways.
Martin Scorsese trat vor zwei Jahren mit dem aufwändigen Fliegerfilm “Aviator” schon wieder zur Oscarverleihung an und verlor. Die Empörung war damals groß, doch Clint Eastwoods “Million Dollar Baby” gewann im Nachhinein zurecht. Eastwood traute sich mit dem Film über eine unglückliche Boxerin als einer der ersten im großen Stil den amerikanischen Traum zu entzaubern und das ganze mit einem Unhappy End zu kombinieren. Es war das Jahr, in der sich die Academy für die Legalisierung der Sterbehilfe stark gemacht hat. Neben “Million Dollar Baby” gewann auch in der Kategorie “bester fremdsprachiger Film” ein Streifen mit dem gleichen Thema: das spanische Drama “Das Meer in mir”.
2004. Gewinner: Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs.
Verlierer: Lost in Translation, Master and Commander, Mystic River, Seabiscuit.
Eindeutige Sache: Der dritte Teil der “Der Herr der Ringe”-Saga gewinnt ohne ernstzunehmende Konkurrenz. Es ist aber kein Geheimnis, dass Regisseur Peter Jackson und sein Team hier auch für die ersten beiden Filme der Triologie belohnt wurden, die in den Vorjahren leer ausgingen. Die vier Verlierer sind alles sehr nette Filme, doch ein echter Film des Jahres ist nicht dabei. Viele Kritiker hätten sich eine Nominierung für den brasilianischen Film “City of God” gewünscht, der als einer der besten des jungen 21. Jahrhunderts gilt. Doch hier reichte es nur zu vier Nominierungen in Nebenkategorien, darunter nicht einmal in der Kategorie “bester fremdsprachiger Film”.
2003. Gewinner: Chicago.
Verlierer: Gangs of New York, The Hours, Der Pianist, Der Herr der Ringe: Die zwei Türme.
Warum ausgerechnet das Musical “Chicago” in diesem Jahr gewinnt, bleibt eins der ungelösten Geheimnisse der Academy Awards. Vielleicht weil die Academy unter den vier anderen Blockbustern die freie Auswahl hatte und sich nicht entscheiden konnte. Scorsese ging mit dem frühen Gangsterfilm “Gangs of New York” mal wieder leer aus. Die heimlichen Favoriten waren eigentlich Roman Polanskis “Der Pianist” und Stephen Daldrys “The Hours”. Beide überzeugten durch eine atemberaubende Geschichte und hätten den Oscar eigentlich verdienter gehabt als Rob Marshalls zugegebenermaßen grandios gespieltes Musical.
2002. Gewinner: A Beautiful Mind.
Verlierer: Gosford Park, In The Bedroom, Herr der Ringe: Die Gefährten, Moulin Rouge.
Ohne erstzunehmende Konkurrenz hatte die Academy die Wahl zwischen Ron Howards “A Beautiful Mind” und Peter Jacksons “Herr der Ringe I”. Der wohl beste und aufwändigste Fantasyfilm aller Zeiten gegen ein perfekt inszeniertes Drama über ein schizophrenes Mathematikgenie. Großer Gewinner des Abends wurde denn auch “A Beautiful Mind” – eine vertretbare Entscheidung. Spannender war da der Zweikampf in der Kategorie “bester fremdsprachiger Film”. Zur Enttäusching vieler gewann nicht “Die fabelhafte Welt der Amelie”, sondern die bosnische Bürgerkriegsfarce “No Man’s Land”. Amelie-Fans mögen mir verzeihen, aber auch das war meiner Meinung nach die richtige Wahl.
2001. Gewinner: Gladiator.
Verlierer: Chocolat, Erin Brockovich, Traffic, Tiger and Dragon.
Stark kritisiert, aber am Ende doch eine gerechtfertigte Entscheidung: “Gladiator” wird Film des Jahres. Ein Film, der eigentlich alles hat: einen starken Helden, einen fiesen Gegenspieler, Liebe, gute Musik, eine muntere Geschichte und dank großartiger Kulissen vor allem etwas fürs Auge. Der einzige, wirkliche Konkurrent dürfte eigentlich “Erin Brockovich” gewesen sein, aber auch nur, weil Julia Roberts in dem Film brilliert und dafür zurecht den Oscar für die beste Hauptdarstellerin mit nach Hause nimmt. Mutiger wäre es gewesen, “Requiem for a Dream” als besten Film zu nominieren, der episodenhaft die letzten Tage einer Gruppe von Drogenabhängigen beschreibt. Doch es blieb bei einer mickrigen Nominierung für die besten Hauptdarstellerin.
2000. Gewinner: American Beauty.
Verlierer: The Cider House Rules, The Green Mile, The Sixth Sense, The Insider.
In diesem Jahr führte kein Weg an “American Beauty” vorbei, Sam Mendes’ Abrechnung mit Amerikas Vorstadtidyll, in die Kevin Spacey seine ganze Schauspielkunst einbringt. Starker Gegenspieler: M. Night Shyamalans Debüt “The Sixth Sense” über einen kleinen Jungen, der tote Menschen sehen kann. Ein spannend inszeniertes Außenseiterdrama. Die Gesellschaftssatire American Beauty dürfte trotzdem verdient gewonnen haben. Große Frage allerdings: Wo blieb eine Nominierung für “Fight Club”, der sich kritisch mit dem Thema Kapitalismus auseinander setzt und dafür heute Kultstatus trägt?
Übrigens werden die Oscars nicht – wie vielfach angenommen – von einer Jury bestimmt. Stattdessen wählen die etwa 5.500 Mitglieder der Academy ihren Favoriten. In die Academy werden nur Filmschaffende aufgenommen, die sich in Hollywood verdient gemacht haben, sei es als Schauspieler, Regisseur, Kameramann, Schnitttechniker, Beleuchter oder oder oder.
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