Das haben wir gerade noch gebraucht: Frazr
Nachtkind schreibt: “Sitze grad gelangweilt auf Arbeit und möchte ficken. Wer macht mit?”. Locke hingegen kann darauf nicht antworten: “hab stress und keine zeit!”. Lisa kann ihm dabei auch nicht helfen und fragt sich statt dessen “Warum ist Histologie so doof?”.
Ich frage mich derweil, wer so eine Seite braucht, auf der – hoffnungslos gelangweilte – Leute gerade schreiben, was sie machen. Auf frazr.de ist sowas jetzt möglich. Zu Chaträumen gibt es einen gravierenden Unterschied: Wenn man da etwas erzählt, erfahren es nur einige. Bei Frazr.de erfahren es ALLE, die die Seite besuchen. Dann können endlich noch mehr Leute lesen, dass sich Mr_Honky und maxcasanova just bei Frazr angemeldet haben und Scooby3770 gerade krank wird.
Jamba-Gründer als Geldgeber
Frazr wird ausgesprochen wie “Phraser”, was frei übersetzt wohl so viel wie “Phrasensammler” heißen könnte. Frazr.de wurde von Kay Kühne, Alexander Drusio und Moritz Hohl ins Leben gerufen, die damit laut Eigenangaben “die Verbindung zwischen Menschen im Alltag verstärken” wollen. Erst gestern sind die drei Samwer-Brüder Marc, Oliver und Alexander bei Frazr als Geldgeber eingestiegen. Denen haben wir schon die berüchtigte Klingeltonfirma Jamba zu verdanken, bei denen zwei der Samwer-Brüder bis 2004 Geschäftsführer waren.
Die Samwers haben eine Organisation namens “European Founders” gegründet, mit denen sie Web-2.0-Startups finanziell unter die Arme greifen wollen. In einer eigenen Pressemeldung nennen sie sich “Erfolgsgaranten” und betonen, dass sie eBay Deutschland groß gemacht haben und die von ihnen betreuten Unternehmen inzwischen einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro erzielen. Ganz so stimmt das allerdings nicht. Denn das einzige, was die Samwers mit eBay zu tun haben, ist ihre eigene Auktionsplattform Alando.de, die sie im Sommer 1999 für 43 Millionen US-Dollar an eBay verkauften.
“Voll am abchillen”
Die geschätzten 1 Milliarde Euro erwirtschaften die ehemaligen Samwer-Unternehmen zu einem großen Teil damit, dass sie Jugendliche mit Klingeltonabos und ähnlichem abzocken. Auch wer das Betreiberlogo auf dem Handy zugunsten eines schönen Hintergrundbildes ausblenden will, muss dafür ein Abo eingehen. Dabei würde ein einmaliger Dateidownload reichen. Solche Abos mögen für den Anbieter wirtschaftlich clever sein, ehrenwert sind die meiner Meinung nach nicht.
Um auf Frazr.de zurückzukommen: “Frazr der Woche” ist übrigens die oben schon genannte Lisa. Den Titel kann man sich erarbeiten, indem man viele Nachrichten bei Frazr.de einstellt und dadurch viele Freunde gewinnt. Man kann seine Nachrichten entweder über die Frazr.de-Seite oder auch per SMS einstellen. Wer will, dass seine Nachrichten gelesen werden, muss schnell sein, denn nur die zehn neuesten Nachrichten erscheinen auf der Startseite und ein Archiv gibt es nicht. Momentan ist das abends nicht viel länger als eine halbe Stunde. Man muss sich also beeilen, wenn man nicht verpassen will, was Mr_Honky so macht, nachdem er sich gerade angemeldet hat: “bin grad voll am abchillen. das ist voll gechillt wisst ihr.”
Verwandte Beiträge
7 Responses to Das haben wir gerade noch gebraucht: Frazr
Einen Kommentar hinterlassen Cancel reply
Info
Leidartikel ist das private Blog von Jürgen Vielmeier, Journalist, Redakteur, Autor, Innovationsberater. Leidartikel hat kein festes Thema. Hier poste ich, was ich auf dem Herzen habe wannimmer es etwas zu erzählen gibt.Seiten
Rückblende
- Juli 2011 (1)
- Dezember 2010 (5)
- November 2010 (1)
- Oktober 2010 (2)
- August 2010 (2)
- Juli 2010 (3)
- Juni 2010 (5)
- Mai 2010 (2)
- April 2010 (4)
- März 2010 (5)
- Juni 2009 (2)
- März 2009 (1)
- Dezember 2008 (5)
- November 2008 (13)
- Oktober 2008 (5)
- September 2008 (7)
- August 2008 (9)
- Juli 2008 (2)
- Juni 2008 (10)
- Mai 2008 (6)
- April 2008 (35)
- März 2008 (16)
- Februar 2008 (24)
- Januar 2008 (25)
- Dezember 2007 (12)
- November 2007 (14)
- Oktober 2007 (13)
- September 2007 (13)
- August 2007 (21)
- Juli 2007 (30)
- Juni 2007 (34)
- Mai 2007 (26)
- April 2007 (20)
- März 2007 (16)
- Februar 2007 (10)
- Januar 2007 (14)
- Februar 2006 (1)
- Januar 2006 (5)
Blogroll
- André Vatter
- Basic Thinking
- Bonn-Log
- Carta
- Der Stuff
- Enno Park
- Florian Treiß
- Georg Schneider
- Ibo Evsan
- Jakob Zogalla
- Jan Tißler
- Jens Arps
- Jott
- Katha
- Marc C. Schmidt
- Mathias Röckel
- Michael Friedrichs
- Natalie Schmidt
- Nicole Chemnitz
- Pocketbrain
- Rob Bubble
- Robert Basic
- Ronnie Grob
- Rootwerk
- Stereopoly
- Tonjuwelen
- Torsten Kleinz
- Tueksta
- Upload Magazin
- Uwe Ramminger
- Wp-Spezialist
- xTown
- YuccaTree





Dass die Samwer-Brothers ziemlich erfolgreich waren, musst du ihnen wohl lassen. Dass diesen Twitter-Klon niemand braucht (meiner Meinung nach nicht einmal das Original) und dass dieses Engagement der Samwers zweifelhaft ist, damit hast du wohl recht.
Sicher sind die Jungs erfolgreich und dazu gehört natürlich auch Cleverness. Wer zur richtigen Zeit ein Online-Portal aufbaut, das zur richtigen Zeit für richtig viel Geld verkauft und das Geld dann auch noch gewinnbringend re-investiert, der hat alles richtig gemacht.
Aber ich finde, wer genug Geld gescheffelt hat, dass er Stiftungen gründen kann, der hat auch eine gewisse moralische Verantwortung. Und da passt es einfach nicht ins Bild, einen Markt für Jugendliche aufzubauen, die natürlich jung und leicht beeinflussbar sind, und sie mit völlig nutzerunfreundlichen Angeboten über den Tisch zu ziehen. Nicht einmal hippe Jugendliche brauchen fünf neue Klingeltöne im Monat, die man bei einem solchen Abo aber bezahlen muss. Wer so einen Dienst einrichtet, der will sich auf Kosten der Schwachen weiter bereichern und daran kann ich nichts Ehrenwertes finden.
Es liegt mir natürlich fern, Jamba zu verteidigen. Aber ich finde es auch nicht unehrenwert, Geld verdienen zu wollen. Und dafür ein Händchen zu haben. Für die richtigen Gesetze, wann etwas Abzocke ist und wann nicht, ist schließlich der Gesetzgeber zuständig. Und für die Strafverfolgung die Justiz. Dort liegt meiner Meinung nach das eigentliche Problem. Ich finde die Samwers (von dem, was ich weiß) nicht unsymphatisch, aber sie werden als Investoren jetzt wohl ihre ersten Projekte an die Wand fahren lassen. Wenn frazr dabei sein würde, täte es mir nicht leid.
Der Gesetzgeber ist aber kein Verbraucherschützer. Er muss zwischen Interessen für Verbraucher und für Unternehmer sorgsam abwägen. Und die Justiz kann nur für Recht sorgen, nicht für Gerechtigkeit. Für Moral sind seit jeher andere verantwortlich: die Kirche, Verbraucherschützer, jeder, der sich berufen fühlt, von mir aus auch Blogger.
Die Samwers sind sicher nicht auf den Kopf gefallen. Sie sind sehr clevere Unternehmer, nur sozial sind sie nicht. Es ging ihnen nicht darum, den Leuten etwas Gutes zu tun. Sie wollten sich schlicht und ergreifend auf Kosten anderer bereichern. Sie hätten ja auch Klingeltöne einzeln verkaufen können und weniger aggressives Marketing fahren. Aber dann wären sie nicht so reicht geworden.
Du hast natürlich vollkommen recht, dass es unmoralisch ist, Jugendliche in die Schuldenfalle zu stoßen. Ich glaube aber dennoch, dass der Schutz der Verbraucher auch in diesem Fall Aufgabe des Gesetzgebers ist. Jamba-Abos, Call-in-Sendungen und dergleichen müssten viel mehr reglementiert werden. Du hast natürlich auch recht, dass es andere Institutionen geben muss, die sich eindeutig auf die Seite des Verbrauchers schlagen. Verbraucherzentralen, Journalisten, Blogger.
Aber um zurück auf die Samwers zu kommen, wer kennt die drei schon persönlich? Was wir hier bereden, ist ein öffentliches Bild von ihnen. Ich weiß nicht, ob es ihnen gerecht wird. Sie sind clevere Geschäftsleute, das finde ich gut. Sie zogen Jugendlichen Geld aus der Tasche, das finde ich nicht gut. Um den Stab über sie zu brechen, reicht es meiner Meinung nach nicht. Da gibt es schlimmere. Zum Beispiel Dialeranbieter und StudiVZler.
Ja sicher ist das auch Aufgabe des Gesetzgebers, da hast du recht. Der ist ja auch da hinterher, aber braucht erfahrungsgemäß immer etwas länger, um auf neue Negativerscheinungen zu reagieren. Für die Übergangszeit sind dann andere gefragt.
Die Samwers kenne ich natürlich nicht persönlich, aber wer kennt schon Unternehmenschefs persönlich? Ich kenne auch einen Josef Ackermann nicht persönlich und mag seine Abgehobenheit trotzdem nicht. Die Samwers haben sich halt immer als spritzige junge Typen dargestellt, die im T-Shirt zur Arbeit gehen und Kritik an ihrem Unternehmen mit Humor nehmen. Das lässt ihre Persönlichkeit zwar sympathischer erscheinen, ändert aber nichts an ihren Geschäftspraktiken.
Dialer sind natürlich ein Ärgernis, aber StudiVZ ist doch abgesehen von dem Negativhype, den Spiegel Online um sie geschaffen hat, eigentlich eine ganz nette Kontaktbörse. Warum man die Fehler, die die StudiVZ-Gründer begangen haben, so viel härter bewertet als die Fehler anderer Unternehmen, ist mir bis heute ein Rätsel. Vielleicht weil der Holtzbrinck-Verlag den Zuschlag bekommen hat und die Spiegel-Gruppe leer ausgegangen ist…
Es stellt sich mir doch aber die Frage, ob man wirklich alles machen muß, was nicht verboten ist. Monetäre Interessiertheit ist ja nichts Verwerfliches, vielmehr wichtiger Bestandteil menschlichen Strebens. Aber die alte Weisheit, daß die Nachfrage den Markt reguliert, ist doch schon längst obsolet. Angebot schafft Nachfrage. Egal, wie dumm sie ist. Und wie ist das erreicht worden? Über eine systematische Verdummung und Kommerzialisierung der Jugend. Es ist schön zu konsumieren, auch ich tu es gern. Aber die Ausschließlichkeit, mit der dies heute den Wertekanon bestimmt, ist widerwärtig und abstoßend. Und da sollte dann auch schon eine gewisse unternehmerische Verantwortung einsetzen – vor allem, wenn man es finanziell nicht mehr nötig hat, jeden Scheiß zu vergolden.