niederdollendorf.jpgIn den letzten Jahren hat sich in Deutschland viel verändert: Das Leben findet zunehmend abends statt, die Menschen werden offener und selbst die Spießer scheinen auszusterben. Leidartikel.de stellt eine gewagte These auf: All das könnte an der Klimaveränderung liegen.

Denk ich an Deutschland in meiner Jugend, dann erinnere ich mich an viel Autorität, Langeweile, Prüderei, langsame Amtsschimmel und unfreundliche Kassiererinnen. Das Leben schien hauptsächlich am Nachmittag stattzufinden und gegen sieben Uhr abends wurden schon einmal vorsorglich die Bürgersteige hochgeklappt. Es scheint sich etwas geändert zu haben in den letzten Jahren.

Die Klimaveränderung – ob nun vom Menschen verursacht oder nicht – wird kommen und scheint für Deutschland ganz ungeahnte Folgen zu haben: Es wird nicht nur wärmer, auch die Menschen scheinen sich zu verändern. Erste Anzeichen sind bereits seit mehreren Jahren spürbar: Das Geschehen verlagert sich zunehmend auf den Abend, wie es in den meisten Mittelmeerländern der Fall ist. Ein Anzeichen dafür ist der Ladenschluss, der sich seit Jahren immer weiter nach hinten verschiebt und in den meisten Bundesländern inzwischen bei 22 Uhr angelangt ist – selbst samstags. Vor 20 Jahren war um 18:30 Uhr Feierabend, samstags sogar schon um 14 Uhr. Einkaufen wurde für die arbeitende Bevölkerung zum Stressfaktor, wenn nicht gar unmöglich. Bei der Fußball-WM im vergangenen Jahr – die nicht zuletzt dank traumhaftem Wetter zum Erfolg wurde – haben die Geschäfte wohl gute Erfahrung mit späten Ladenschlusszeiten gemacht. Das Gesetz zur Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten war nur noch Formsache.

Trend zur Gleitzeit
Auch die Arbeitszeiten verschieben sich. Noch immer gibt es viele, viele, (zu viele) Unternehmenschefs älterer Generation, die darauf pochen, dass jeder Mitarbeiter morgens um 7 oder halb 8 anzufangen hat, obwohl die Hälfte der Belegschaft dann noch im Halbschlaf ist und zwei Stunden braucht, um wach zu werden. Mehr und mehr Unternehmen gehen dazu über, ihren Mitarbeitern mit einem Gleitzeitmodell relative Freiheit darüber zu geben, wann sie anfangen wollen zu arbeiten. Dann kann jeder seinem eigenen Biorhythmus folgen und entscheiden, ob er früh oder spät zu arbeiten anfängt. Bei Schulen wird es wohl auch nicht mehr lange dauern, bis sie den Unterrichtsbeginn auf eine spätere Uhrzeit verlegen.

Behörden werden freundlicher
Doch, die Spießer gibt es noch, die sich lauthals beschweren, wenn man auf dem linken Bürgersteig mit dem Fahrrad unterwegs ist. Oder wenn man bei rot über die Ampel läuft, selbst wenn weit und breit weder Autos zu sehen sind, noch Kinder am Straßenrand stehen, denen man als Vorbild dienen müsste. Aber diese Spießer scheinen weniger zu werden. Behörden sind seit einiger Zeit bemüht, freundlicher und schneller zu werden. Und wirklich: Stundenlang in Behörden auf einen Termin zu warten, ist selten geworden. Das Prinzip “Nummer ziehen” erlaubt es wartenden Menschen häufig, in der Zwischenzeit etwas anderes zu erledigen. Bei den meisten Arztpraxen und bei Frisören kann man sich lange Wartezeiten inzwischen verkürzen, indem man vorher einen Termin abmacht.

biergarten.jpgFußball spätabends
Dann ist der Fußball ähnlich wie in Italien, Spanien oder England hierzulande inzwischen zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Da an den meisten Wochentagen jetzt Spiele live übertragen werden, finden sich die Menschen abends in den Kneipen und im Sommer in den Biergärten zusammen und gucken gemeinsam. Ich erinnere mich noch gut an einen Protest vor etwa zehn Jahren, in denen sich Funktionäre vom Deutschen Fußballbund (DFB) darüber beschwerten, dass die Spiele der Championsleague erst um 20:45 Uhr angepfiffen wurden. Das ist natürlich reichlich spät für deutsche Arbeiter und Schulkinder, passte aber besser zu den Lebensgewohnheiten der Menschen in den Ländern mit stärkeren Ligen, wie Spanien und Italien. Heute ist der späte Anstoß in Deutschland auch bei Länderspielen Normalität und selbst Kritiker scheinen sich damit abgefunden zu haben.

Straßencafés in den 80ern? Nur in Italien
Erinnert sich noch jemand an Straßencafes in den 80er Jahren? Richtig, draußen sitzen, das tat man allenfalls in italienischen Eisdielen. Zum Kaffee trinken und Kuchen essen ging man bei gutem Wetter entweder gar nicht, oder man nahm in einer deutschen Konditorei brav drinnen Platz. Überhaupt, Cafés: Die konnte man sich selbst in den Zentren großer Städte an zwei Händen abzählen. Heute gibt es Cafés selbst in Kleinstädten an fast jeder Straßenecke. Und sie haben nur noch dann eine Chance zum Überleben, wenn sie bei gutem Wetter Tische und Stühle nach draußen stellen. Das italienische Straßencafé dient als Vorbild.

rheinaue.jpgSex und Erotik in Fernsehen und Öffentlichkeit – na und?
Deutschland ist in den letzten 20 Jahren deutlich offener geworden, was Sexualität anbelangt. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen Musikvideos von Madonna, Aerosmith oder INXS nicht gezeigt werden durften, weil sie als zu erotisch galten. Genau über das Verbot würde man sich kaputt lachen, wenn man sich die Videos noch einmal anschaut. Schließlich gibt es heute weit mehr blanke Brüste im Nachmittagsfernsehen zu bestaunen. Im Internet kann man erotischen Bildern selbst auf sich seriös nennenden Internetseiten kaum noch entfliehen. In Italien gibt es Stripshows im Vorabendprogramm übrigens schon seit Jahrzehnten. Auch die Mode war dort einst knapper als hierzulande. Doch heute steht Deutschland dem in nichts mehr nach. Kaum ist es dank ein paar Sonnenstrahlen mal etwas wärmer, sieht man in Stadtparks erste Männer in Badehosen und Frauen in Bikinis. Man genießt die Sonne viel offenherziger als früher.

niederdollendorf.jpgIst das alles eine Frage des Wetters oder einfach nur eine schleichende Entwicklung zu mehr Liberalität seit der 68er-Revolution? Es könnte beides sein: Denn glaubt man der Mehrheit der Klimaforscher, steigen die Temperaturen seit den 70ern dramatisch an. Versteht mich nicht falsch: Es ist noch lange nicht alles perfekt hier und die Veränderungen sind ein schleichender Prozess, der noch lange nicht am Ende ist. Aber ein Trend ist unverkennbar. Und vielleicht liegt es wirklich am Wetter, dass Sexualität kein Tabuthema mehr ist, dass die Geschäfte länger öffnen und dass die Bürgersteige überhaupt nicht mehr hochgeklappt werden. Wenn nicht, woran liegt es sonst? Und wie mag es wohl weiter gehen, wenn die Temperaturen noch weiter steigen?


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5 Responses to Wird Deutschland zu Italien?

  1. Carocita sagt:

    Ja, wie mag es wohl weiter gehen? Ich plädiere auf jeden Fall dafür, dass wir weiter in diese Richtung marschieren! Knappe Bikinis vom Straßenkaffee um die Ecke aus betrachtet auf dem nimmer hochklappenden Bordstein bei 30 Grad im Schatten! Genau meine Vorstellung von little italy in “Good old Germany”

  2. CRen sagt:

    So lange Italien nicht zu Lybien wird, ist mir das nur recht ;-)

  3. Kauz sagt:

    Naja, ich denke mal, um das Klima gibt es grad einen großen Hype. Natürlich spielt das Wetter für den Menschen und sein Leben eine wichtige Rolle. Wetterveränderungen hat es zu allen Zeiten gegeben (z.B. Leif Eriksen im grünen Land Grönland, die Kleine Eiszeit im Vorfeld der französischen Revolution etc.) und das führte natürlich zu erheblichen sozialen Veränderungen. Andererseits ist der moderne Mensch vom Wetter heute weniger abhängig als das früher der Fall war. Dafür sorgen Klimaanlagen, Kühlschränke, ein agrarischer Weltmarkt usw. Ich denke, letztlich spielt bei der von dir beschriebenen Entwicklung eher die verstärkte Mobilität eine Rolle. Kulturelle Gepflogenheiten vermischen sich dadurch immer mehr. Und seit den Zeiten der Völkerwanderung, des Königreichs Beidersizilien und es HRDN hat es die Deutschen schon immer unheimlich gezogen. Und von welcher Kultur könnte man Lebenslust besser adaptieren als von den Italienern? Vielleicht hat es lange Zeit auch einfach an der Kenntnis dieses Lebensstils gefehlt.

    Fazit: Beides mag eine Rolle spielen, aber ich würde der sozialen Komponente den Vorrang vor der meteorologischen geben.

  4. [...] Wird Deutschland zu Italien? – Die Klimaveränderung sorgt nicht nur für wärmeres Wetter, sondern auch für wärmere Gemüter. Der Prototyp des kühlen Deutschen könnte aussterben. [...]

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