In den 80ern gab es im Westen Michael Ende, Wim Wenders, Das Boot und sonst nicht mehr viel. Dann kam die Wende und bis auf zwei kleine Ausnahmen (s.u.) lange gar nichts. 1994 beschlossen die drei Filmschaffenden Tom Tykwer, Wolfgang Becker und Dani Levy etwas dagegen zu tun. Sie gründeten X-Filme Creative Pool, eine Produktionsfirma für junges, anspruchsvolles Kino aus deutschen Landen. Es dauerte aber noch ein paar Jahre, bis den X-Filmen mit “Lola Rennt” der Durchbruch gelang und von einem neuen jungen deutschen Kino die Rede war. Dazu trugen auch “Knockin’ on Heaven’s Door”, “Das Leben ist eine Baustelle” und “Comedian Harmonists” aus dem Jahr 1997 bei.
Heute gehört das deutsche Kino zu den besten der Welt. Das ist erfreulich, weil man das bei Musik und Literatur leider nicht behaupten kann. Unter den 15 besten deutschen Filmen der 90er und 2000er Jahre will Leidartikel.de den allerbesten finden. Und dazu seid ihr gefagt: Ihr könnt online abstimmen, welcher Film für euch der beste seit der Wiedervereinigung ist. Zusätzlich werde ich in den nächsten Tagen eine Jury berufen. Abstimmen könnt ihr bis zum 31. August. Dann vergeben wir die “Leidawards” für den besten Film. Hier seht ihr die 15 Finalteilnehmer in alphabetischer Reihenfolge.
“Absolute Giganten”. 1999. Regie: Sebastian Schipper
Floyd, Ricco und Walter sind die besten Freunde und machen nachts die Straßen Hamburgs unsicher. Aber Floyd hat einen anderen Traum: Er heuert auf einem Schiff an, um sein Glück irgendwo auf der Welt zu finden. Seinen enttäuschten Freunden erzählt er erst am letzten Abend davon. Es wird ein denkwürdiger Abschied, den keiner je vergessen wird.
Sebastian Schipper hat den Themen Freundschaft und Sehnsucht ein traurig-schönes Denkmal gesetzt.
“Alles auf Zucker”. 2004. Regier: Dani Levy
Zucker hat seit der Wende nur Pech gehabt und nur noch eine Chance, seine Schulden zu bezahlen: indem er bei einem Billiardturnier gewinnt. Doch dann stirbt unerwartet seine Mutter und die streng-jüdische Verwandtschaft kommt zur gemeinsamen Trauerfeier. Um das Erbe der Mutter anzutreten, soll Zucker sich mit seinem verhassten Bruder vertragen. Eine Woche gemeinsamer Trauer steht ihm bevor, in der er irgendwie versucht, heimlich das Billiardturnier unterzubringen.
Eine atemberaubende Komödie von Dani Levi über Religiösität und Wahrheit.
“Das Experiment”. 2001. Regier: Oliver Hirschbiegel
Taxifahrer Tarek Fahd nimmt als Undercover-Journalist an einem Experiment teil: Ganz gewöhnliche Leute sollen in einem fingierten Gefängnis Wärter und Häftlinge spielen. Schon nach wenigen Tagen gerät das Projekt außer Kontrolle und das Spiel zu blutigem Ernst.
Spannender Thriller von Oliver Hirschbiegel in Anlehnung an das Stanford Prison Experiment, der viel über die Abgründe der menschlichen Seele offenbart.
“Das Leben der Anderen”. 2006. Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Der linientreue Stasi-Abhörspezialist Wiesler soll den Dichter Georg Dreymann und dessen Freundin ausspionieren. Die Aktion soll vor allem Wieslers Vorgesetztem Grubitz zu einem Karrieresprung verhelfen. Doch das Leben der beiden Künstler verändert den biederen Wiesler, und er beginnt sich schon bald zu fragen, ob er auf der richtigen Seite steht.
Von Donnersmarcks fundierter und grandios gespielter Abriss über Macht und Ohnmacht in einem totalitären System.
“Gegen die Wand”. 2004. Regie: Fatih Akin
Nach einem Suizidversuch lernt die junge Türkin Sibel den Säufer Cahit kennen. Sie überredet ihn zu einer Schein-Hochzeit, damit sie endlich in Freiheit leben kann, was für sie saufen, Drogen und ficken bedeutet. Eine Zeitlang geht die die Scheinehe gut, doch dann verlieben sich beide ineinander.
Fatih Akin malt ein drastisches Bild über das schwierige Leben junger Immigranten in Deutschland und die schwierige Gratwanderung zwischen Liebe und sexuellem Bedürfnis.
“Good Bye Lenin!” 2003. Regie: Wolfgang Becker
Kurz vor der Wende erleidet die Vorzeige-Genossin Christiane Kerner einen Herzanfall und fällt ins Koma. Als sie wieder aufwacht, ist die Mauer gefallen und die DDR Geschichte. Weil jede Aufregung für sie tödlich sein könnte, beschließt ihr Sohn Alex, ihr nichts von der Wende zu erzählen und lässt im Zimmer seiner Mutter die DDR wieder auferstehen – mit allem was dazu gehört.
Eine tragikomische Geschichte, die nicht mit Kritik an beiden deutschen Staaten spart.
“Herr Lehmann”. 2003. Regie: Leander Haußmann
Frank ist 30, arbeitet in Berlin als Kellner und wird von allen nur “Herr Lehmann” genannt. Seinen Eltern hat er vorgekaukelt, Geschäftsführer in einem Restaurant zu sein. Dumm nur, dass die gerade zu Besuch kommen und Frank sich unglücklich verliebt hat.
Es ist gar nicht so leicht, die Handlung zusammenzufassen, denn darauf kam es Haußmann und Buchautor Regener gar nicht an. “Herr Lehmann” beschreibt das Zusammenleben sehr eindrucksvoller Charaktäre, in denen sich eine ganze Generation junger Berliner wiederfindet.
“Muxmäuschenstill”. 2004. Regie: Marcus Mittermeier
Der Geschäftsmann Mux hat sich zum Ziel gesetzt, den Menschen wieder Moral und Ordnung beizubringen. Er engagiert den Langzeitarbeitslosen Gerd und geht mit ihm auf Streife. Ihre Agentur wächst schnell, aber dann gerät das Projekt irgendwie außer Kontrolle.
Mittermeier beweist schonungslos, dass man der Gesellschaft nicht einfach alte Werte wieder einimpfen kann. Zumindest nicht, ohne dabei selbst kriminell zu werden.
“Nirgendwo in Afrika”. 2001. Regie: Caroline Link
Eine jüdische Familie emigriert aus dem Nazi-Deutschland der 30er Jahre nach Kenia. Dort wird die Ehe von Jettel und Walter auf eine harte Probe gestellt. Dafür freundet sich die in Deutschland schüchterne Tochter Regina unerwartet schnell mit den Afrikanern und dem neuen Leben an.
Caroline Link hat ein wunderbares Werk über Außenseitertum, kulturelle Verständigung und die schwersten Momente einer Ehe geschaffen, das unscheinbar beginnt und sich mit jeder Szene zu einem Meisterwerk steigert.
“Schtonk”. 1992. Regie: Helmut Dietl
Der schmierige Journalist Hermann Willié wähnt die Chance auf einen echten Knüller, als er auf einer geheimen Veranstaltung die Tagebücher von Adolf Hitler entdeckt. Die Ahnung, dass sein Informant Fritz Knobel die Bücher eigenhändig gefälscht hat, versuchen er und die Redaktion des “Stern” mit allen Mitteln zu ignorieren, da man dringend eine Topstory braucht, um die Auflage zu steigern.
Die Geschichte hat das Leben selbst geschrieben. Dietl hat eine schreiend komische Satire daraus gestrickt, die – hervorragend geschauspielert – gleichermaßen gegen das deutsche Mediensystem und die ungründliche Entnazifizierung schießt.
“Solino”. 2002. Regie: Fatih Akin
Aus dem lebhaften Solino in Italien wandert eine italienische Familie ins kalte Deutschland aus. Während die Eltern die erste Pizzeria im Ruhrgebiet eröffnen, werden die beiden ungleichen Söhne zu erbitterten Rivalen: Der sensible Gigi wird von Giancarlo ein- ums anderemal betrogen: um die Liebe, seinen Traumberuf und seine Freiheit. Erst als sie sich Jahre später in Solino wiedertreffen, hat sich das Blatt gewendet.
Fatih Akins vielleicht bester Film über die Schwierigkeit glücklich zu werden, weil die Anderen es nicht zulassen.
“Sonnenallee”. 1999. Regie: Leander Haußmann
Die Jugend in der DDR. Langweilig, trostlos und grau? Von wegen! Statt dessen Liebe, Spaß mit ignoranten Wessis und Rock’n'Roll. Micha hat es auf seine hübsche Mitschülerin Miriam abgesehen. Aber die ist ausgerechnet mit einem Wessi liiert.
Haußmann überraschte West-Deutschland mit diesem bunten Feuerwerk und gab Ost-Deutschland ein Stück Erinnerung zurück. Schieflachen werden sich beide Seiten über diese wunderschöne Komödie.
“Vier Minuten”. 2006. Regie: Chris Kraus
Die wegen Mordes verurteilte Jenny trifft in einem Frauengefängnis auf die alte Klavierlehrerin Traude. Weil Jenny seit ihrer Kindheit bestens Klavier spielen kann, will Traude mit ihr einen Wettbewerb gewinnen. Durch eine Spirale des Hasses – von Jenny selbst entfacht – will ihre Umwelt sie hindern, daran teilzunehmen. Die alte Traude muss sich selbst öffnen, um Jenny zur Räson zu bringen.
Ich hab lange mit mir gekämpft, ob ich diesen Film mit unter die ersten 15 nehmen soll. Ich hab es getan, weil Kraus ohne Klischees und vorurteilsfrei an dieses schwierige Thema herangegangen ist, zeigt wie schwer Wut und Hass sich entschärfen lassen, und die Elemente der Spannung gekonnt einbaut. Ein großer Film.
“Wer früher stirbt, ist länger tot”. 2006. Regie: Marcus H. Rosenmüller
Der Lausbub Sebastian erfährt, dass seine Mutter bei seiner Geburt gestorben ist. Er fühlt sich für ihren Tod verantwortlich und beschließt unsterblich zu werden, damit sie in ihm weiterleben kann. Weil unsterblich werden schwerer ist als vermutet, ändert Sebastian seine Strategie und beschließt, sich statt dessen sich von seinen Sünden reinzuwaschen, indem er eine neue Frau für seinen Vater sucht.
Klingt als Zusammenfassung auch nicht besser als ein Heimatfilm. Aber Rosenmüller hat sich für jede einzelne Szene etwas Besonderes ausgedacht. Dadurch wechseln komische mit rührenden Momenten und am Ende hat man die ganze bayerische Szenerie ins Herz geschlossen.
“Wir können auch anders”. 1993. Regie: Detlev Buck
Die beiden alltagsuntauglichen Brüder Rudi und Moritz wollen an die Ostsee fahren, weil sie dort ein kleines Grundstück geerbt haben. Etwas zu gutgläubig werden sie auf dem Weg dahin von allen möglichen Leuten übers Ohr gehauen und von einem russischen Deserteur als Geiseln genommen. Aber wenn es sein muss, können die beiden auch zurückzuschlagen.
Einzigartiges Roadmovie, Detlev Bucks bester Film und ein Beispiel dafür, dass herzensgute Dummköpfe am Ende gewinnen können.
Und jetzt seid ihr dran: Welcher ist für euch der beste deutsche Film seit der Wende? Die Wahl läuft bis zum 31. August um 24 Uhr.
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Bilder: X-Filme Creative Pool, X-Verleih AG, Senator Film, UFA, Buena Vista, Bavaria Film, Warner Home Video, Fanes Film, EuroVideo, TimeBandits Films, Universal Pictures, Wüste Filmproduktion, Boje Buck Production, Delphi Filmverleih, Beta Film GmbH, Schiwago Film, Constantin Film, Westdeutscher Rundfunk, Bayerischer Rundfunk, Roxy Film,
Die Rechte der Bilder liegen bei den jeweiligen Produktionsfirmen und Vertriebsgesellschaften.
rechnest du die prozente selbst aus? 6 filme mit je einer stimme und alle haben 20%?????
Da war im Auswertungs-Tool etwas falsch eingestellt. Jetzt sollte es stimmen.
“Sebastian Schipper hat den Themen Freundschaft und Sehnsucht ein traurig-schönes Denkmal gesetzt.” Ausserdem verdient er den Oscar für die beste Kicker-Spiel-Inszenierung! Durch den Film ist so mancher, verstaubter Kneipen-Kicker wiederbelebt worden..
@ DERDAve: Da muss ich aber widersprechen. Die Szene fand ich ziemlich mies. Toller Trick am Schluss, aber geh mal Freitagsabends ins Carpe. Da kannst du dir anschauen, wie die wirklichen Profis spielen.
@Jay: So wie du? Richtig gut kickern kann man nur im Troisdorfer Saga. Allerdings muss man sich für die richtige Seite entscheiden. Auf der flaschen hat man nämliche alle 5 min ein Billiard-Kö im Rücken…
Mit den Leuten im Carpe kann ich’s nicht aufnehmen. Mit dir dafür schon.
Im Saga wird man da wohl richtig abgehärtet, wenn man sich gegen Billiardspieler behaupten muss, was? Können ja bald mal wieder spielen.
@Jay, wie wärs mal mit einer Bonner Bloger Kickerrunde?
@ Jan: Wird schwer, weil DERDave dann ja gar nicht teilnehmen dürfte.
Können aber so mal kickern gehen, z.B. im legendären “Nyx”. Nur müsstest du dich dann auf die anderen Rheinseite begeben…
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Und was ist mit Lammbock? Der tauchte bis jetzt in keiner deiner Listen auf…
Nebenbei bemerkt hast Du da ein schönes Voting-Tool. Kannst Du verraten, wie das Plugin heißt?
Entschuldigt bitte das Doppelposting, aber vielleicht weiß der eine oder andere Besucher dieser Seite noch nicht, dass sich “Gegen die Wand” kostenlos und vor allem legal auf der NDR-Homepage anschauen lässt:
http://www1.ndr.de/unterhaltung/kino-tipps/gegendiewand8.html
@ Journalist und Optimist: Das Voting-Tool heißt “WP-Polls” und du bekommst es auf der WordPress.org-Seite: http://wordpress.org/extend/plugins/wp-polls/. Ist echt nicht schlecht.
@ Journalist und Optimist:
Aber leider erst nach 20 Uhr.
Möchte kurz anmerken, dass der Leid-Awaed wirklich klasse geworden ist.Sieht toll aus!
Gruß Spreerauschen
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