Manchmal schläft man schlecht, wacht mitten in der Nacht auf und muss sich irgendwie beschäftigen, bevor der Tag beginnt. Zeit, mal ein wenig mit dem neuen Laptop herumzuspielen, Skype zu installieren und neue Dinge auszuprobieren. Zum Beispiel Skypecasts. Skypecasts dürften eine Mischung aus Telefonkonferenz und Chat sein: Irgendwelche wildfremden Leute treffen sich bei Skype und unterhalten sich. Über irgendwas.

In meinem Fall ist es sieben Uhr morgens. Ich suche mir einen Skypecast namens “gutenmorgen1″ aus, der um die Uhrzeit schon mit reichlich Leuten gefüllt ist. Konferenzleiterin ist Kittie, laut Skype-Info eine 19-jährige Bremerin, die gerne House hört. Laut Live-Konferenz eine prima Konferenzleiterin mit sympathischer Stimme. Nicht minder aktiv ist der zweite Hauptredner, ein 51-jähriger Berliner namens Schmidchen. Die beiden betreiben Smalltalk, hören gut und gerne zu und bringen die anderen zum Reden. Für morgens 7 Uhr ist so viel Redseligkeit ganz schön bemerkenswert. Als Morgenmuffel geselle mich aber lieber zu den Zuhörern.

Um was geht es? Ich schalte mich ein, als gerade über die Tonqualität diskutiert wird. „Drehst du mal deine Lautsprecher runter“, bittet Kittie einen neuen Teilnehmer. „Das hallt so“. Einen anderen Konferenzteilnehmer fordert sie zum Reden auf: „Sag was, sonst muss ich dich zu den Zuhörern degradieren.“ Ein ganz Ausgefuchster kommt mit tuntiger Stimme direkt zur Sache: „Hee, Schmidchen, darf ich mit dir schlafen?“ – Die Berliner Schnauze Schmidchen weiß sofort was Sache ist: „Hee, wenn de’n Gay bist, biste davorne falsch abjebogen.“ Beides ist offenbar wirklich der Fall: „Oh, Entschuldigung“, sagt der Neue verlegen und ist raus.

Im Cast “gutenmorgen1″ sind zu dieser Zeit um die 30 Leute. Acht davon nehmen als Redner an der Konferenz teil, der Rest hört zu. Wer mitreden will, muss bei den Konferenzleitern das „Sprechen beantragen“ und darauf warten, bis er eingeladen wird. Zu so früher Stunde scheinen sich die anderen Redner aber über jede neue Stimme zu freuen, die auch etwas beitragen will.

“Die zieht sich mitten in der U-Bahn aus”

Einer der Redner heißt Basti und ist ebenfalls aus Berlin. „Schmidchen, hier in Berlin gibt es verdammt schräge Vögel, findest du nicht?“ Schmidchen kennt so einige: „Klar, aber wen meenste denn jenau?“ Basti: „Es gibt da so eine Mulattin, die ist total durchgeknallt. Die zieht sich in der U-Bahn aus.“ Die ansonsten eher maulfaulen anderen Redner horchen plötzlich auf: „Was macht die?“. „Ich muss wohl auch mal nach Berlin“, findet einer. „Nee“, entgegnet Basti. „So toll ist das nicht. Die ist total neben sich, zieht sich vor allen Leuten aus und schiebt sich dann ne Flasche unten rein und all so Zeugs.“ Schmidchen: „Also, die kenn ich dann doch noch nicht.“

Auf einmal ist Kittie verschwunden. Schmidchen klingt fast ein bisschen besorgt: „Hee, wo ist denn unsere Kitty. Biste einjeschlafen oder was?“ Kittie sagt wirklich nichts mehr. „Die hat ja auch zwei Tage nicht geschlafen, hat sie gesagt. Aber hier wirklich einschlafen. Wie passiert denn das?“ Basti weiß Rat: „Ich hatte auch mal nen Cast, da redete einer erst in einer Tour. Auf einmal wurde er ruhiger und dann fing es leise an zu schnarchen. Erst dachte ich, da will uns einer verarschen. Aber dann wurde das Schnarchen kontinuierlich immer lauter, und da war klar: Der verarscht uns nicht, der ist wirklich vor der Tastatur eingeschlafen.“

Soll’s ja geben. Am Programm kann es nicht liegen. Ich höre seit einer Stunde zu und amüsiere mich prima. Schon netter als Fernsehen oder Radio, mal echte Menschen über Belangloses reden zu hören. Wenn man sonst gerade niemanden zum Reden hat, füllt das wunderbar die morgendliche Stille. „Ich hab gar kein Fernsehen mehr“, sagt Basti. „Skypecasts machen echt süchtig“, bestätigt Schmidchen.

Inzwischen ist es 8:15 Uhr, ich muss aufstehen und den Cast verlassen und gehe in der Tat mit etwas Wehmut. Erstaunlich, wie schnell einem wildfremde Menschen ans Herz wachsen können.


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One Response to Skypecast am Morgen: Herrlich Belangloses zum Wachwerden

  1. Marc sagt:

    Sehr lustiger Beitrag. Ich als Extremchatter kann mir so ganz bildlich die verschiedenen Stereotypen vorstellen, die mir selber auch schonmal irgendwo virtuell in irgendeiner Form begegnet sind. Selbst nach mehrmaligem Lesen kann ich, vorallem über Schmidtchen, immer wieder schmunzeln.

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