Manchmal wache ich nachts auf, kann nicht mehr schlafen, verlasse meine Wohnung und gehe um die Ecke, um bei meiner Postfiliale zu sein. Ich schätze, dass es daran liegt, dass ich seit kurzem wieder aktiver Dinge bei eBay und Amazon verkaufe, dass ich mich dazu entschlossen habe, viel von meiner reichlichen freien Zeit in der Postfiliale zu verbringen. Es kann aber auch genauso gut sein, dass ich deswegen bei eBay und Amazon wieder aktiver bin, um öfter in meiner Postfiliale zu sein. Wer kann schon sagen, was sich unser Geist manchmal für absonderliche Dinge ausdenkt?

Niemand kann es sagen.

Oft bin ich auch tagsüber in der Filiale. Ich bekleide mich ganz unauffällig mit weißen Turnschuhen, einer bunten Mütze, die sonstwem gehört, und meiner grünen Jacke und gehe die etwa 200 Schritt zu meiner Postfiliale, um ja nicht aufzufallen. Dort stelle ich mich in die Schlange, benutze den Geldautomaten, stöbere unter den Schreib- und Versandwaren herum oder kaufe und verschicke Päckchen, Pakete, Briefe oder Buchsendungen. Ganz unauffällig, keiner wird sich etwas dabei denken.

Keiner.

Und ich beobachte sie ganz genau: Die Beamten am Schalter, die Menschen in der Schlange, wie sie ebenso fasziniert wie ich mit Paketen oder gelben Kisten in der Hand oder vor ihren Füßen beständig warten und sich geduldig Schritt für Schritt voranschieben, wenn die Schlange sich nach vorne bewegt. Während sie warten, werden sie an Versandaufkleber und Luftpolsterumschläge denken, an Paketband und Packpapier, Pluspäckchen und aufklappbare Versandtaschen. Sie werden sich genauso sehr freuen wie ich, dass sie in der Schlange stehen dürfen, denn sie mögen die Post genauso sehr wie ich. Neulich war ich einmal da, als niemand in der Filiale war: keine Menschen in der Schlange und auch keine hinter dem Schalter. Nein, die Post war nicht geschlossen, sie hatte geöffnet, aber es war einfach niemand da.

Das hat mir so nicht gefallen.

Oder war ich in Wirklichkeit zuhause? Denn letztens habe ich mich dabei ertappt, wie ich zuhause saß, Langeweile hatte und dann einfach zur Post gegangen bin, um mich in einem gewohnten Umfeld zuhause zu fühlen. Nun halt: Wenn ich zuhause saß und die Post sich wie mein Zuhause anfühlt, was ist denn dann eigentlich mein Zuhause? Meine Wohnung? Die Post? Beides? Dann habe ich gehört, dass die Post bald schließen soll. Keine Pluspäckchen oder Versandaufkleber mehr, keine Luftpolsterumschläge oder Versandtaschen, keine nächtlichen Ausflüge mehr, kein gewohntes Umfeld.

Kein Zuhause.

(aus meiner neuen Reihe “freies, absurdes Schreiben in 15 Minuten”)
Bild: Deutsche Post AG


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4 Responses to Die Postfiliale lässt mich nicht mehr los

  1. Zuperman sagt:

    Haste wieder nen Kurs im kreativen Schreiben belegt, oder was? :)

  2. Marc sagt:

    Er IST der Kurs.

  3. Dave sagt:

    also sollte bei dir zu Hause ein Paket (mit einem kleinen Luftpolsterumschlag drin) stehen, schmeiß es bitte nicht weg. Dein Mitbewohner könnte drin hausen!

  4. [...] habe ich vor meiner geliebten Postfiliale bei einem SPD-Stand gegen die geplante Schließung derselben unterschrieben. Drinnen, [...]

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