Karneval auf der Couch
Ich bin 200 Kilometer nördlich vom Rheinland aufgewachsen, wohne seit mehreren Jahren in Bonn und kann mich nicht entscheiden, ob ich Karneval nun mag oder nicht.
Vieles spricht dagegen:
- Wo ist der Unterschied zwischen Karneval und Volksmusik? Auf der Bühne steht eine dauergrinsende Band, die Schunkelmusik spielt, und das Publikum klatscht und tanzt zu den wirklich simplen Rhythmen mit. Beim Karneval kommt sogar noch erschwerend hinzu, dass die überwiegende Mehrheit des Publikums Alkohol braucht, um das ganze zu ertragen und lustig zu finden.
- Frauen, die das ganze Jahr über nicht aus sich heraus kommen, rotten sich in Gruppen zusammen und werden plötzlich extrovertiert und verlieren unter Alkoholeinfluss sämtliche Hemmungen. Da hab ich ja an sich nichts gegen, aber warum ist das an Karneval möglich und warum nur dann?
- Kneipen werden zu Tanztempeln, in denen das Publikum zu den oben genannten profanen Rhythmen wie eine Einheit tanzt und schunkelt. Im Alltag würden die meisten Beteiligten vehement gegen jedwede Art von Gleichschaltung protestieren.
- Wer mit dem Ganzen nichts anfangen kann, hat wirklich nur die Möglichkeit ins rheinische Ausland zu fliehen, sonst wird er depressiv. Ich sitze deswegen hier auf der Couch und probiere bei einem Glas Guinness etwas Neues: Ich gucke Kölsche Karneval auf dem WDR und versuche dadurch, mich an das Gift (der Karneval, nicht das Bier) zu gewöhnen, indem ich es mir in kleinen Dosen selbst zuführe. Es ist erstaunlich leicht auszuhalten, solange ich nicht gezwungen werde mitzuschunkeln.
Ein bisschen was spricht auch dafür
- Die meisten Leute in meinem Alter werden unter massivem Alkoholeinfluss eher friedlich als aggressiv. Schaut man sich das ganze Spektakel in Kneipen im komplett nüchternen Zustand an, kann es wirklich witzig sein.
- Ich lass mich gerne nochmal vom Gegenteil überzeugen, muss dafür aber einen guten Tag erwischen. Sonst schaffe ich es nicht, die Griesgrämigkeit aus meinem Gesicht zu wischen, die beim Ausgehen nicht förderlich sein kann.
Das war’s auch schon mit den Vorteilen. Alles in allem bin ich sehr zufrieden, dass mir Karneval diesmal ziemlich egal ist und ich nicht – wie in den Vorjahren – permanent das Gefühl habe, unbedingt etwas machen zu müssen. Euch anderen viel Spaß beim Feiern. Wer sich über Karneval beschweren möchte, kann das gerne in einem Kommentar tun: Hier findet ihr Gehör!
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6 Responses to Karneval auf der Couch
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Leidartikel ist das private Blog von Jürgen Vielmeier, Journalist, Redakteur, Autor, Innovationsberater. Leidartikel hat kein festes Thema. Hier poste ich, was ich auf dem Herzen habe wannimmer es etwas zu erzählen gibt.Seiten
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Der Ostwestfale rät: Rollläden unten lassen.
Dein “dagegen” ist aber mehr ein “dafür”, findest Du nicht?
Hier im Gaza-Streifen des Rheinlandes ist’s jedenfalls richtig blöd und in die verkackte Altstadt geh’ ich nicht alleine ohne Kostüm
Deshalb: Rotwein vorm Rechner.
Irgendwie hast Du ja Recht … aber ist doch scheißegal. Alaaf!
Wenn ich wenigstens Internet hätte… muss am Sonntag das Büro herhalten
Ich halte mich die ganze Zeit mit der Renovierung meiner neuen Bude über Wasser und muss 1Live hören, da auf allen anderen Sendern scheinbar Karnevalsmusik läuft. Aber ein gutes hats: Ich bin ziemlich fit gewporden nach 4 Tagen körperlicher Arbeit
@ Marc: Gute Besserung, und freu dich: Eine Zeit ohne Internet kann echt eine Wohltat sein. Freu dich drüber!
Jo, man verbraucht nicht mehr so viel Zeit zum chatten und entdeckt das Dokumentationsfernsehen wieder, wo man auch mal wirklich zuhört
Immerhin weiß ich jetzt jede Menge über die Kriegsvorbereitungen des dritten Reichs.