Die Web-2.0-Plattform Facebook kommt in Kürze auch in einer deutschen Version heraus. Spätestens das wird das Anfang vom Ende für StudiVZ werden – was eigentlich schade ist. Mit dem Zwang, ihre neuen AGBs zu akzeptieren, haben die StudiVZ-Macher sich selbst an den Wegesrand gestellt und den Weg für Facebook frei gemacht. Facebook kann deutlich mehr, genau das ist aber auch ein Nachteil. Leidartikel weint dem “alten” StudiVZ nach und kann Facebook nicht viel abgewinnen. Ein Protestschreiben.

In der deutschen Internetszene können Trends offenbar nur von den legendären Samwer-Brüdern initiiert werden. Die waren mit ihrem eBay-Klon Alando.de noch ganz sympathisch, verspielten ihren Kredit dann aber, als sie Jamba gründeten und mit durchgängigen, nervtötenden Werbeblöcken für Klingelton-Abos einen beträchtlichen Anteil der Sendeplätze des ehemaligen Musiksenders MTV kauften. Seit sie für die Alando-Übernahme von eBay und mit der Abzocke von Teenagern bei Jamba Millionen gescheffelt haben, haben sich die Samwer-Brüder gedacht, von nun an als Geldgeber aufzutreten und ihr Geld in neue Webprojekte zu investieren. So hielt ihre Gesellschaft bis zur Übernahme durch den Holtzbrinck-Verlag einen Anteil an StudiVZ, und jetzt haben sie einen Anteil an der Social-Web-Plattform Facebook erworben.

StudiVZ auf dem absteigenden Ast

Der Einstieg der Samwers bei Facebook ist zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall clever: Facebook wird in Kürze in einer deutschen Version herauskommen und dann sicherlich auch hierzulande ein Erfolg werden. Das Geschäftsmodell von Facebook ist schon aus einem ganz profanen Grund Erfolg versprechender als der des Facebook-Klons StudiVZ: Jeder darf bei Facebook ein Profil erstellen, nicht nur Studenten. So hat man in Deutschland prinzipiell 80 Millionen potenzielle Kunden, wo bei StudiVZ mit vier oder fünf Millionen Mitgliedern (bei ca. zwei Millionen Studierenden in Deutschland) inzwischen die Grenze erreicht ist. Noch ein Grund spricht für Facebook: Die neuen AGBs, die StudiVZ seinen Mitgliedern Mitte Dezember auferlegen wollte, haben sich viele nicht gefallen lassen. Viele sind aus dem Netzwerk ausgetreten, nehmen nicht mehr aktiv daran teil, haben den neuen AGBs nicht zugestimmt oder – und das trifft die Macher wohl am härtesten – haben ihr Profil unkenntlich gemacht, sich also zum Beispiel einen neuen Namen gegeben wie “EytschEm indahouse” statt Hans Meier.

Facebook: Gewollte Reizüberflutung

Nun sind wir also praktisch dazu gezwungen zu Facebook weiterzumarschieren. Facebook soll mehr können und noch besser sein als das spartanische StudiVZ. Meine Begeisterung hält sich aber in Grenzen. Seit ich mir vor etwa einem halben Jahr bei Facebook ein Profil angelegt habe, …

  • habe ich mich mit einem Haufen alter Bekannter aus Japan, Singapur und Europa wieder vernetzt, die ich Monate oder Jahre nicht gesehen habe. Das war nett!
  • habe ich mit Ihnen dann für eine Weile hin- und herkommuniziert. Der letzte Kontakt ist aber auch schon wieder fünf Monate her…
  • bin ich gekickt, von Vampiren gebissen, von Werwölfen und Zombies gejagt, zu Oktoberfesten eingeladen worden
  • wurde ich dazu genötigt, mir eine Fun Wall und ein Movie Board anzulegen und werde seitdem permanent mit neuen YouTube-Videos und ähnlichem zugekleistert
  • musste ich mich für jeden Extra-Dienst registrieren und mir eine neue Kennung dafür geben lassen. Der Wust ist mittlerweile vollkommen unüberschaubar geworden.

Unsympathisch

Bei Facebook kann ich mir die Profile der Leute nicht anschauen, die ich noch nicht autorisiert habe. Das ist irgendwie schade, auch wenn’s vielleicht der Sicherheit dient. Profile, die sich im Nachhinein als ellenlange Protokolle entpuppen, sind nicht viel anderes ist als eine Aneinanderreihung von Widgets, Gadgets, Zombielists und Superlatives. Facebook kann deutlich mehr als StudiVZ, und genau das macht es unsympathisch. Es gibt keine lustigen Gruppennamen wie “Schackeline, komm wech von die Regale, du Arsch!”, keine einfach strukturierten Profile, keine Reduzierung auf das Wesentliche und irgendwie keine Übersicht. StudiVZ mag seinen Kredit verspielt haben und von Anfang an von Unsympathen betrieben worden sein. Nett war das Portal mit seinen spartanischen und doch irgendwie nützlichen Funktionen aber irgendwie doch. Facebook ist für mich auf jeden Fall auch keine Lösung. Nur damit ihr gleich Bescheid wisst.

Grafiken: Facebook (2), StudiVZ


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11 Responses to StudiVZ ist tot. Es lebe Facebook?

  1. Marc sagt:

    Ist es aber nicht schon lange so, dass Facebook genau das tut, was das StudiVZ will ? Sprich personenbezogene Werbung nutzen und persönliche Daten anderweitig vertreiben ? Unterschreibt man bei Facebook nicht ohnehin schon schmuddelige AGBs ?

  2. JayWalker sagt:

    Hab bisher noch keine Werbung auf Facebook gesehen. Vielleicht ist es mir auch bloß nicht aufgefallen. Kann aber schon sein, dass man da die gleichen Verträge abgeschlossen hat, wegen denen man sich jetzt bei StudiVZ mokiert. So ist das wohl bei uns Menschen: Was immer schon so war, wird auch so hingenommen. Was sich verschlechtert, wird in den Boden gestampft.

  3. parsprototo sagt:

    google ist da viel schlimmer mit der personalisierten werbung. ey, die lesen die mails mit und erstellen anhand dieser daten und anhand deiner suchanfragen, die allesamt anhand deines cookies zugeordnet werden, die werbung nur fuer dich. das ist mal krass.
    ich weiß jetzt nicht, ob das gern gesehen wenn man auf sich selbst hinweist, aber ich habe dazu was geschrieben in meinem blog: http://palenque.twoday.net/stories/4639514/

  4. CRen sagt:

    Facebook hat was von Myspace. Aber dieses ewige StudiVZ-Gejammer nervt, ich hab’ ein minimalprofil da und und bei Facebook steht mehr drin. ABER: Von Facebook kann man sich nicht endgültig abmelden, ätsch. Insofern: Datensammlung hoch 2 ;)

  5. Marc sagt:

    Den gleichen Trick gabs doch glaube ich auch bei Neu.de, dieser Singlebörse. Wenn ich mich recht entsinne, gabs da haufenweise inaktive Nutzerprofile, da man sich auch nicht abmelden konnte. Alles nur zu dem Zweck, um rechtsgültig mit dieser enormen Anzahl Fernsehwerbung schalten zu können.

  6. JayWalker sagt:

    @ Parspoto: Klar, geht in Ordnung. Guter Bericht! Ob das wohl gut ist, dass mein wichtigstes Mailkonto bei Gmail ist…

    @ CRen & Marc: Ach, ich finde StudiVZ hat’s verdient. Sind Asis, die den Laden schmeißen. Ich meine sogar, dass ich zwei Accounts bei Facebook habe, wobei ich nicht weiß, woher der erste kommt. Wer von euch Säcken hat mich da angemeldet? :)

  7. Marc sagt:

    Sicher die gleichen, die die Jürgen-Fangruppe mit intimen Privatfotos im StudiVZ eröffnet haben.

  8. Dass Facebook ein wenig unübersichtlich sein kann stimmt durchaus. Aber trotzdem sehe ich in den Applikationen (und der dazugehörigen API) den Schlüssel des Erfolges.

    Flashspielchen&Co werden in Zukunft nicht mehr auf eigenen Websites sondern als Facebook Applikations veröffentlicht und können auf diesem Wege sehr schnell einer großen Zielgruppe zugänglich gemacht werden.

  9. ulf sagt:

    Bei StudiVZ kann man die personenbezogene Werbung völlig abstellen und alles ist wie vorher. Also weniger jammern und mehr wissen!

  10. Sebastian sagt:

    Also das wäre mir neu das sich bei StudiVZ _nur_ Studenten registrieren dürfen…so sollte es sein und so war es sicher gedacht, aber wenn dem wirklich so wäre hätte ich 15 Freunde weniger in meiner Freundeliste…;) …nur mal so als Randinfo…

  11. Marc sagt:

    Deswegen planen die StudiVZ-Macher, laut aktuellen Meldungen, eine neue Plattform, die ebenso übergreifend wie Facebook, auch nach dem Studium, das Kontaktnetzwerk aufrecht erhalten soll. Wie man liest, kann man aber vermuten, dass die nur der Gegenschlag für den bevorstehenden deutschen Launch von Facebook ist.

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