Informatik ist nicht sexy
Denke ich zurück an ein Seminar im Studium, waren das Fach Informatik und seine Dozenten ungefähr so sexy wie Helmut Kohl im String-Tanga am Wolfgangssee. IT-Unternehmen wollen das jetzt offenbar ändern, gibt es doch jährlich laut Wirtschaftsverbänden zu wenig Menschen, die ein Informatikstudium aufnehmen und noch weit weniger, die eins abschließen. Computacenter-Vorstand Oliver Tuszik fordert deswegen laut einem Bericht auf Computerwoche.de: “Wir müssen unseren Berufsstand sexy machen.”
Was Thomas Mosch vom Branchenverband Bitkom im gleichen Artikel dazu sagt, finde ich, na ja, sehr interessant:
“Wer wird denn die Klimaprobleme der Welt lösen? Wer macht intelligente Medizintechnik? Das sind Informatiker!” Um mit dem Klischee des Computer-Nerds im Karohemd aufzuräumen, müsse man in der breiten Öffentlichkeit ein wirklichkeitsgetreues Bild des Informatikers zeichnen. “Wir brauchen im Vorabendprogramm eine Daily Soap, wo der Held ein Informatiker ist”, so Mosch weiter, denn die Branche sei attraktiv, nur wisse das keiner.
(Hervorhebung von mir.)
Taugen Informatiker als Helden und lässt sich ihre Arbeit dem gemeinen Fernsehzuschauer als spannend verkaufen? Eine Erörterung.
Ich kenne inzwischen einige Informatiker und weiß deswegen, dass längst nicht alle von ihnen im Karohemd herumlaufen und nie Tageslicht sehen. Es gibt aber doch einen erstaunlich großen Haufen Informatiker, bei denen das Klischee genau zutrifft. Lustig finde ich in dem Zusammenhang die hoffentlich nicht ganz ernst gemeinte Idee Moschs, dass Informatiker einen Helden verkörpern sollen.
Wie soll das bitteschön aussehen? Ein Angestellter, der weder schlechte Bezahlung noch Überstunden scheut, um die Fachabteilungen seiner Bohrmaschinenfirma mit einem mobilen Helpdesk zu unterstützen? Oder ein IT-Security-Spezialist, der in heldenhafter Manier Softwareupdates installiert, um das Rechenzentrum gegen gefährliche Viren zu impfen? Vielleicht auch die Webprogrammiererin, die effekthascherisch studenlang am Code herumdoktert, bis sie herausfindet, dass die Datenbankanwendung nicht funktionierte, weil im SQL-Befehl ein Hochkomma gefehlt hat.
Stelle ich mir schon spannend vor.
Erste Versuche in die Richtung, Geschichten über Informationstechniker ins Fernsehen zu bringen, gab es bereits – mit durchwachsenem Erfolg:
Ganz nett ist die britische Serie “The IT Crowd” (siehe Foto oben), die mir der Taxidriver neulich empfohlen hat. Allerdings persifliert diese eben genau das Klischee der Nerds mit Karohemd: Die IT-Freaks sitzen in einem fensterlosen Büro im Keller, belästigen die Belegschaft anstatt ihr zu helfen, unterhalten sich vor anderen im breitesten Fachjargon und werden von Frauen gemieden wie Tageslicht von Vampiren.
Im Jahr 2001 kam der Film “Start-up” (US-Titel: “Antitrust”) mit dem für Frauen attraktiven Schauspieler Ryan Philippe in die Kinos. Philippe spielt darin einen jungen, innovativen Programmierer, der von einer Firma engagiert wird, die Microsoft sehr ähnlich ist und von einem Bill-Gates-Verschnitt (Tim Robbins) geleitet wird. Der Film ist außerdem mit attraktiven Nebendarstellerinnen besetzt, die Geschichte aber so unglaubwürdig und monoton, dass an dem Film gar nichts mehr spannend ist, geschweige denn sexy.
Leicht erfolgreicher und zumindest spannender ist der Film “Hackers” aus dem Jahr 1995 mit Johnny Lee Miller (dem “Sick Boy” aus “Trainspotting”) und Angelina Jolie. Auch hier wurde also auf attraktive Schauspieler gesetzt. Das Beispiel zeigt aber, dass am Thema Informatik allenfalls das Klischee des Hackers spannend ist.
Und dafür gibt es weitere Beispiele aus Film und Fernsehen:
Akte X: In einigen Folgen treten drei Hacker auf, die sich die “Lone Gunmen” nennen und gut über alle Geheimaktivitäten von Vater Staat informiert sind. Die Idee kam so gut an, dass die drei ihre eigene Fernsehserie mit dem gleichen Titel bekamen, die aber leider gefloppt ist.
Der deutsche Film “23 – nichts ist so wie es erscheint” aus dem Jahr 1998 porträtiert das Leben des Hackers Karl Koch, der in den 80er Jahren Geheimdienstinformationen stiehlt und an die Sowjets verkauft und dabei die Zahl “23″ mystifiziert. Der Film ist einer der besseren deutschen Streifen der 90er, taugt aber schon aufgrund des Inhalts nicht dazu für den Beruf des IT-Administrators o.ä. zu werben. Zumal Koch an Schizophrenie erkrankt, sich hoch verschuldet und im Alter von 23 Jahren unter ungeklärten Umständen zu Tode kommt – ein Alter, in dem normale Informatiker noch mitten im Studium stecken.
Richtig gut ist der Hollywood-Streifen “War Games – Kriegsspiele“, in dem sich ein Oberstufenschüler und Computerfreak in ein Computersystem des US-Verteidigungsministeriums reinhackt. Er startet eine Kriegssimulation, von der er glaubt es wäre ein Spiel. Das Computersystem nimmt das Spiel leider ernst und will die Sowjets mit Nuklearraketen vernichten. Der Politthriller mit Matthew Broderick in der Hauptrolle ist schon aus dem Jahr 1983 und die Geschichte auch heute noch aktuell. Nur leider – da haben wir’s wieder – ist der Held auch hier ein Hacker.
Gauner und Wirtschaftskriminelle
Wer eine spannende Informatik-Vorabendserie drehen will, die ganz ohne Hacker auskommt, könnte es einmal versuchen, indem er sich in die Richtung Wirtschaftsinformatik bewegt: Der mit Abstand beste Film über Informationstechnik ist imho die US-Filmproduktion “Pirates of Silicon Valley” (auf Deutsch heißt sie etwas langweiliger: “Die Silicon-Valley-Story”). In dem Spielfilm geht es darum, wie Steve Jobs und Bill Gates in den 70er und 80er Jahren die Computerwelt revolutionieren und sich ein eigenes Imperium ergaunern. Ergaunern? Da haben wir’s wieder: Spannend wird Informatik in diesem Film nur, weil die Aspekte Wirtschaft und Wirtschaftskriminalität im Vordergrund stehen. Das könnte junge Menschen tatsächlich zu einem Studium der (Wirtschafts-)Informatik bewegen, aber wollen die Branchenverbände wirklich noch mehr Gauner in ihren Reihen?
Fazit: Wer die legale Seite der Informatik auf spannende Art ins Fernsehen bringen will, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Gute Filmproduktionen mit diesem Thema gibt es bislang nur wenige, und sie gelangen nur, weil sie in erster Linie Wirtschafts- oder Politthriller sind. Dass andere Versuche so häufig misslingen, könnte daran liegen, dass Informatik ganz einfach nicht sexy ist…
Die Rechte der verwendeten Grafiken liegen bei den jeweiligen Produktions- und/oder Verleihfirmen.
Verwandte Beiträge
One Response to Informatik ist nicht sexy
Einen Kommentar hinterlassen Cancel reply
Info
Leidartikel ist das private Blog von Jürgen Vielmeier, Journalist, Redakteur, Autor, Innovationsberater. Leidartikel hat kein festes Thema. Hier poste ich, was ich auf dem Herzen habe wannimmer es etwas zu erzählen gibt.Seiten
Rückblende
- Juli 2011 (1)
- Dezember 2010 (5)
- November 2010 (1)
- Oktober 2010 (2)
- August 2010 (2)
- Juli 2010 (3)
- Juni 2010 (5)
- Mai 2010 (2)
- April 2010 (4)
- März 2010 (5)
- Juni 2009 (2)
- März 2009 (1)
- Dezember 2008 (5)
- November 2008 (13)
- Oktober 2008 (5)
- September 2008 (7)
- August 2008 (9)
- Juli 2008 (2)
- Juni 2008 (10)
- Mai 2008 (6)
- April 2008 (35)
- März 2008 (16)
- Februar 2008 (24)
- Januar 2008 (25)
- Dezember 2007 (12)
- November 2007 (14)
- Oktober 2007 (13)
- September 2007 (13)
- August 2007 (21)
- Juli 2007 (30)
- Juni 2007 (34)
- Mai 2007 (26)
- April 2007 (20)
- März 2007 (16)
- Februar 2007 (10)
- Januar 2007 (14)
- Februar 2006 (1)
- Januar 2006 (5)
Blogroll
- André Vatter
- Basic Thinking
- Bonn-Log
- Carta
- Der Stuff
- Enno Park
- Florian Treiß
- Georg Schneider
- Ibo Evsan
- Jakob Zogalla
- Jan Tißler
- Jens Arps
- Jott
- Katha
- Marc C. Schmidt
- Mathias Röckel
- Michael Friedrichs
- Natalie Schmidt
- Nicole Chemnitz
- Pocketbrain
- Rob Bubble
- Robert Basic
- Ronnie Grob
- Rootwerk
- Stereopoly
- Tonjuwelen
- Torsten Kleinz
- Tueksta
- Upload Magazin
- Uwe Ramminger
- Wp-Spezialist
- xTown
- YuccaTree





Ah, Herr V. haben wieder intellektuelle Diarrhoe…