Heute Abend bei der EM: Der alte gegen den neuen Feind: Ich bin für Holland (Update)
Heute Abend spielt bei der Fußball-EM Holland gegen Italien. Wahrscheinlich werde ich mir das Spiel auch ansehen, weil das zwei der besten Mannschaften sind und das Spiel sicher interessant wird. Lustig, dass sich dabei die Vorzeichen komplett umgekehrt haben. Zum einen hat Oranje das altbekannte Spielsystem mit drei Sturmspitzen abgelegt und spielt jetzt nur noch mit einer. Eben das defensive System, mit dem Italien lange Zeit erfolgreich war. Doch die setzen nun entgegen ihrer Tradition auf das alte holländische System und treten mit drei Spitzen an.
Aber noch etwas hat sich geändert: Holland, das Feinbild? War da mal was? Klar, bei der EM 1988 und der WM 1990 gab es sehr unschöne Aktionen. Auch bei der EM 1992 war noch viel Feindschaft mit im Spiel. Aber seitdem? Ronald Koeman hat später öffentlich bereut, dass er sich 1988 mit dem Trikot von Olaf Thon symbolisch den Hintern abgewischt hat. Frank Rijkaard hat sich für seine Spuckattacke 1990 gegen Rudi Völler später entschuldigt. Heute sind die beiden Freunde. Verschiedene deutsche Künstler und Medien haben seitdem versucht, das Feindbild der niederländischen Fußballer aufrecht zu erhalten. Eine Zeitlang vielleicht zu Recht. Aber ich finde, das zieht heute nicht mehr.
Schon beim eher langweiligen weil sehr fairen 1:1 zwischen Deutschland und den Niederlanden bei der EM 2004 hat man gemerkt, dass die Luft aus der Feindschaft raus ist und nur noch einige Sturköpfe Oranje als Feind ansehen.
Squadra Azzura: Keine Helden mehr
Dafür hat sich bei der WM 2006 weiter südlich ein neues Fußball-Feindbild aufgebaut: Italien. Begnadete Fußballer, keine Frage. Aber auch Stolperer, Schwalbenkönige, Provokateure, Petzen. Erschleichen sich in der Nachspielzeit einen Elfmeter gegen deutlich stärkere Australier und machen sich später in Autokorsos über den Schiedsrichter lustig, der drauf reingefallen ist (oder sogar gekauft wurde?). Verpetzen Torsten Frings bei der FIFA, weil der einem Argentinier eine langt, der Frings vorher angegriffen hat. Lassen sich ohne gegnerische Einwirkung fallen und spielen den sterbenden Schwan. Reizen den bis dahin immer friedlichen Weltfußballer Zinedine Zidane in seinem letzten Spiel zur Weißglut, so dass der sich zu einer (genialen) Unsportlichkeit hinreißen lässt und vom Platz gestellt wird. Keine Frage: Die Azzuri taugen viel eher zum Feindbild als Oranje.
Deswegen werde ich heute Abend für Holland sein. Tja, wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass sowas möglich ist…
(Update 22:49 Uhr: Da war ich wohl nicht der einzige. Die klare Mehrheit im “Nyx-EM-Studio” hat die drei Tore der Holländer gegen Italien bejubelt. Dass Deutsche für Holland jubeln – wer hätte das jemals für möglich gehalten? 3:0 deklassiert Oranje den Weltmeister. Danke, Holland!)
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3 Responses to Heute Abend bei der EM: Der alte gegen den neuen Feind: Ich bin für Holland (Update)
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Die Holländer sind als “Feind” schon deshalb nicht geeignet, weil sie viel zu langweilig sind. Holländer sind zu nett, zu undramatisch und nur dadurch, dass sie ein direktes Nachbarland sind und ihre Sprache unserer so ähnlich ist, nimmt man sie überhautpt wahr.
Die Italiener hingegen- Italiener sind Dramatiker. Grosse Schauspieler, impulsive Menschen und Fussballer. Am Italiener kann man sich besser reiben. Und weil sie auch noch anstelle der Deutschen Weltmeister geworden sind bieten sie das perfekte fussballerische Feinbild des Deutschen.
Daran liegt es nicht. Es geht nicht darum, mal wieder wie so oft gegen Italien verloren zu haben oder gegen die Italiener an sich. (Deutschland hat das Halbfinale 2006 zurecht verloren, weil sie die schlechtere Mannschaft waren.) Es geht um Unsportlichkeiten der italienischen Mannschaft. Übertriebene Schauspielerei und Unfairness auf und neben dem Platz hat mit Temperament o.ä. nichts zu tun. Das ist einfach nicht würdig für einen Weltmeister, und das war der eigentliche Stein des Anstoßes.
Kann natürlich auch sein, dass man als deutscher Fan einfach ein neues Feindbild braucht, jetzt, wo Holland und England dafür nicht mehr in Frage kommen…
Es liegt auch daran, dass viele Niederländer (so die korrekte Bez.) in der Bundesliga aktiv sind und einen sehr guten Job machen. Einem van der Vaart schaut man einfach gerne zu – für mich ist er der Diego vom HSV. Auch Trainer wie Huub Stevens steigern die Sympathie gegenüber Holland – was Fußball angeht. Sonst ist Holland ja total über jeden Zweifel erhaben.