Beim nächsten Mal nehme ich trotzdem das Flugzeug
Disclaimer: Hab schon ewig keine Reportage mehr geschrieben. Vermutlich erleb ich auch zu wenig. Um nicht aus der Übung zu kommen, hier der Versuch einer kleinen Reisereportage.
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Die Amerikanerin an der Rezeption sieht mich erstaunt an: “Wie? Wo waren Sie denn jetzt so schnell im Internet.” – “Ja, da vorne auf dem Sessel am Fenster”, entgegne ich nicht minder überrascht über die Frage. “Wie sind Sie denn da ins Internet gegangen?” – “Na, mit meinem Laptop halt und dem Passwort, das Sie mir gerade gegeben haben.” – “Ach, aber wie haben Sie das denn ohne Strom gemacht?”
Bin ich im falschen Film oder warum fragt sie mich das? Auf dem Schild vor dem Hauptgebäude steht “Microsoft” – scheint noch zu stimmen. “Der Laptop hat ja einen Akku, der ein paar Stunden hält”, erkläre ich ihr. – “Und wozu brauchen Sie dann WLAN? Ist das Internet nicht überall?” – “Nein, leider noch nicht, nicht einmal hier.”
Vielleicht haben wir auch nur aneinander vorbeigeredet. Bill Gates soll vor ein paar Jahren einmal zugegeben haben, das Internet komplett verschlafen zu haben. Bei seiner etwa gleichaltrigen Rezeptionistin hat ein wenig Unwissen auf dem Gebiet dennoch irgendwie einen gewissen Charme. Ich bin lange nicht mehr rausgekommen und freue mich an diesem Tag über jede – im wahrsten Sinne des Wortes – Merkwürdigkeit. Noch länger ist es her, dass ich einen halben Tag im Zug verbracht habe, nur um nach München und zurück zu fahren. 15 Stunden insgesamt für letztlich anderthalb Stunden Diskussion. Reichlich viel.
Dafür erlebt man auch reichlich, Angenehmes wie Unangenehmes. Ein hart erkämpftes, kühles Bier leistet mir nach dem Umsteigen am Frankfurter Flughafen ebenso Gesellschaft wie ein Asiate, der sich plötzlich neben mich setzt. Meine Verwunderung darüber hält sich in Grenzen: Er ist schon der dritte Fahrgast, der sich heute neben mich setzt, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Er macht trotzdem einen netten Eindruck. Woher er kommt, frage ich ihn: “Aus Korea” antwortet er. Wieder daneben getippt! Ich hatte ihn für einen Vietnamesen gehalten. Er studiert in Bochum, war mit Frau und Sohn in der Heimat und kommt aus dem Urlaub zurück. (Urlaub, was für ein schönes Wort!)
Bahn statt Büro?
Sein vielleicht achtjähriger Sohn sitzt schräg gegenüber auf einer anderen Bank. Er ist im Sitzen eingeschlafen und zur Seite gekippt. “Wir sind elf Stunden geflogen”, erklärt sein Vater besorgt und verabschiedet sich höflich. Er sucht eine Bank mit zwei freien Sitzen und trägt seinen Sohn darauf. Der Kleine wacht davon nicht einmal auf.
Ohne Internet war der Tag auch für mich eher Urlaub als Arbeit. Mit Freunden habe ich neulich nach ein paar Bieren zu viel ausgerechnet, ob es nicht lohnt, sich statt eines Büros eine BahnCard 100 zu kaufen und die Arbeit auf die Schiene zu verlagern. Praktisch so, als wenn ein Industriekonzern sein Lager auf die Schiene verlegt. Weil man als Journalist ohnehin nur Laptop, Internet und Handy zum Arbeiten braucht, ist der Ort ja praktisch egal. Für die zweite Klasse kostet eine BahnCard 100 im Monat 320 Euro, was so manche Büromiete schlägt. Vereinsamen wird man auch nicht, weil man immer wieder spannende Leute kennenlernt. Trotzdem ist der Ersatz nicht wirklich gleichwertig: Funklöcher, Geschaukel, teure Verpflegung, 60 Zentimeter Spannweite – das macht das Nervenkostüm auf die Dauer nicht mit.
Beim Umsteigen am Frankfurter Flughafen hat mein Anschlusszug Verspätung. Wartezeit: 40 Minuten. Alle Sitze am Bahnsteig sind besetzt, die Automaten verkaufen kein Eis und nur durch Zufall treffe ich einen Gleichaltrigen, der mir verrät, wo er sein Bier gekauft hat. Es ist ironisch, dass man vor lauter Arbeit manchmal kaum zum Schlafen kommt, aber trotzdem immer wieder in Situationen schlittert, in denen man Zeit totschlagen muss. Ich freue mich dennoch auf die nächste Bahnreise – und hoffe, dass sie kürzer ausfällt.
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4 Responses to Beim nächsten Mal nehme ich trotzdem das Flugzeug
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320 Euro im Monat? Ich erinner mich vage, das meine Bahncard 50 was um die 200 € (plus minus 100 €, ist schon länger her) pro Jahr gekostet hat.
Ansonsten ist Bahnfahren immer noch angenehmer als das obernervige Fliegen wo man dauernd stehend darauf wartet das irgendwas weitergeht.
Hey Jay,
du kannst ja deinen Hintern demnächst mal in die nächste 66 werfen und zu mir kommen. Da wartet dann auch ein kühles Bier und die Bahnfahrt ist garantiert sehr kurz
Bis bald,
Marc
er meinte die bahncard 100.
Eine Reportage mit einem Hauch Ironie!
Schön, wieder von dir zu lesen..
Liebe Grüße!!