Seit gut einem Monat schreibe ich täglich Nachrichten für ein Medienmagazin. Meine Aufgabe dort ist es, aus Online-Quellen, Mails und RSS-Feeds Meldungen zu sichten, auszusortieren und aus einem Teil davon Nachrichten zu schreiben. Zusammen mit anderen Aufträgen durchforste ich, grob geschätzt, 500 Meldungen am Tag und lese 150 davon. Die Schlagzahl ist so hoch, dass ich heute meist schon nicht mehr sagen könnte, was gestern die wichtigsten Meldungen waren. Doch an ein Thema erinnert, weiß ich genau, ob ich dazu schon einmal was gelesen habe oder nicht. Schon mehrmals war ich erstaunt, als ich bei einer Nachricht dachte, sie wäre ungefähr eine Woche alt; dabei waren es erst zwei Tage. Die Informationsflut scheint mein Erinnerungsvermögen verändert und irgendwie passiv wie einen Festplattenspeicher gemacht zu haben.

Tragischerweise betrifft das nicht nur mein Berufs-, sondern auch mein Privatleben. Ich könnte heute nur schwer zusammenfassen, wovon ich mit einem Freund gesprochen habe, den ich gestern traf. Sobald ich den Freund aber wiedersehe und er vom gleichen Thema beginnt, bin ich im Bilde und kann mitreden, weil ich die Information mit hoher Priorität gespeichert habe. Problematisch ist das durchaus dann, wenn ein Freund sich etwas von der Seele geredet hat und erwartet, dass ich ihn beim nächsten Wiedersehen darauf anspreche. Weil ich das nicht kann, wird der Freund enttäuscht sein, denn aus seiner Sicht habe ich das Interesse an seinem Problem oder im schlimmsten Fall sogar an ihm verloren. Das ist aber mitnichten der Fall. Ich habe sein Problem nur – wie alle anderen wichtigen Meldungen auch – im Speicher abgelegt. Ich kann nur hoffen, die davon Betroffenen aus meinem Freundeskreis lesen das hier und haben dafür Verständnis…


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6 Responses to Wie die tägliche Nachrichtenflut mein Privatleben verändert

  1. CRen sagt:

    Die einfache Lösung für Dein Problem: Keine Freunde haben ;)

  2. Slow sagt:

    Mir geht das teilweise genauso – ich habe auch am Tag recht lange Zeit damit zu tun, Informationen zu sichten, zu überprüfen, für Kollegen “mundgerecht” aufzubereiten und beobachte manchmal einen sehr ähnlichen Effekt bei mir – bislang hat sich allerdings noch niemand beschwert, auch wenn ich oft fürchte, dass sich das bald ändern könnte – liegt vielleicht an zuviel relativ “leichter” Kopfarbeit in zu kurzer Zeit…

  3. lexxa sagt:

    Ich finds grad interessant, dass sich ein Mann Gedanken um etwas doch so “typisch Männliches” macht.
    Meiner Erfahrung nach muss man nichtmal hauptberuflich mit der Aufarbeitung und Aufbereitung von Nachrichten beschäftigt sein, um auch im Privatleben Wichtiges von Unwichtigem gekonnt zu selektieren. Männern gelingt das zumeist besser als Frauen, aber ich halte das keineswegs für negativ.
    Manche mögen es “Egoismus” nennen wenn man sich das, was einem wirklich von Bedeutung ist, einfach leichter merkt.
    Ich sehe das nicht so ;-)

  4. KFA sagt:

    lieber jürgen,
    auch ich kann sehr gut nachvollziehen, wovon du da berichtest.
    und ich glaube, dass das heute immer mehr menschen so geht.
    wir leben in einer informationsgesellschaft. informationen prägen uns und dringen von allen seiten in unser leben ein. sie werden ein immer wesentlicher bestandteil unseres alltags. die entwicklung der medien hin zur mitmachplattform bedeutet auch, dass heute jeder etwas zu sagen hat. und weil es in dieser informationsflut so schwer ist, die “richtige” information zu finden, nehmen auch die quellen zu, an denen wir uns informieren. weil es immer mehr zu wissen gibt, möchten wir auch immer mehr wissen. wir fühlen uns verpflichtet dazu, uns zu informieren. und je mehr informationen es sind, desto weniger davon können wir uns merken. es sind schnelle, flüchtige weggefährten, die uns durch unseren alltag begleiten und die wir mit stichworten versehen und einordnen müssen, wie eine datenbank, um sie irgendwie greifen und festhalten zu können.
    es ist das gefühl, an einer viel befahrenen schnellstraße zu stehen – tausende autos rauschen an dir vorbei – die gesichter der fahrer kann man nur noch kurz erhaschen oder allenfalls erahnen und am ende bleibt nur der aufgewirbelte straßenstaub zurück. weil es viel einfacher und schneller ist, im auto durch die welt zu rasen, triffst du auf der straße auch kaum noch menschen. und triffst du sie, übertönt der lärm des verkehrs euer gespräch und trüben die abgaswolken eure blicke.
    die frage ist am ende, wie wir mit dieser welt umgehen. ist es richtig stehenzubleiben? ist es besser mitzurasen?
    ich finde die informationsflut oft genug faszinierend, weil sie uns alle auf dieser welt miteinander verbindet, auch wenn die masse der grund für all die unpersönlichkeit ist. doch die suche nach den neuesten, schnellsten, besten und exklusivsten nachrichten macht süchtig!
    um all das auszugleichen müssen wir dieser welt manchmal entsagen. wir müssen manchmal den stecker aus dem router ziehen, den laptop zuklappen, das handy ausschalten, den fernseher ausmachen, das radio abdrehen und die füße hochlegen. und dann einfach die augen schließen und ganz tief in uns hineinhorchen und da in uns drin wieder unseren eigenen rhythmus finden.

    während ich schreibe ist gerade ein heißluftballon am himmel aufgetaucht, den ich durch mein küchenfenster beobachten kann. er schwebt ganz langsam an den zarten wolkenstreifen vorbei, als sei er aus einer anderen welt. dafür müssen wir uns dringend manchmal zeit nehmen. ich meine nicht zum heißluftballon-fliegen ;-) , sondern natürlich zum langsamen schweben, weit weg von all dem trubel und rummel. und dann geht es uns gleich wieder viel besser und wir entdecken neben all dem informationsspeicherplatz in unserem kopf einen freien fleck in unserem herzen, den wir unseren freunden und mitmenschen schenken können.

    wünsche dir ganz viel heißluftballon-momente ;-)

  5. JayWalker sagt:

    @ KFA: Danke dir! :) Und schönes Beispiel mit der Autobahn. Ich bin ganz froh, dass ich wenigstens dieses Wochenende mal zum Abschalten kam. Aber du kannst ja eigentlich auch nicht weniger Stress haben als ich. ;)

    @ Lexxa: Oha, du schwingst die Frauen-vs.-Männer-Keule, aber dass es da zwischen den Geschlechtern Unterschiede gibt, hast du jetzt gesagt. ;) Ich bin mir aber echt nicht sicher, ob das so ist. Dann müsste Journalismus ja eine klare Männerdomäne sein, oder?

    @ Slow: Ich hoffe ja noch, dass die guten Freunde es irgendwann merken, wie man drauf ist und einem solche Sachen nicht übel nehmen. ;)

    @ CRen: Die einfachste Lösung ist nicht immer die beste…

  6. Mr X sagt:

    Ach Jürgen,
    das ist doch überhaupt kein Problem!
    Die 500€ hätte ich aber trotzdem gern wieder. Du weisst schon…

    Schöne Grüße von soweit weg wie es geht.

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