Das mobile Internet und der iTunes Store haben mir einen Kindheitstraum erfüllt – und noch um zwei Stufen übertroffen. Mit Unterwegs-Downloads ist die technische Vollendung praktisch erreicht. Von jetzt an kann es eigentlich nur noch bergab gehen.

Als kleiner Junge stand ich oft in der Schallplattenabteilung des größten Kaufhauses in meinem Heimatort und ärgerte mich. Die Preise der Langspielplatten überstiegen mein Taschengeld um ein Vielfaches. Und ich wollte doch nur diesen einen Song auf meinem Walkman haben, den es noch nicht als Single gab und bei dem der Radiomoderator von ffn wieder dazwischengequatscht hatte.

Es müsste einen Automaten geben, wünschte ich mir, bei dem man einfach seine Kassette einlegen und genau das Lied aufnehmen kann, das man will.

Anders als meine anderen Ideen von damals (die Jacke mit integrierter Heizung und das persönliche Magnetfeld, das Regen einfach abprallen lässt) wurde mir dieser Wunsch tatsächlich erfüllt. Den Automaten gab es zwar nicht, aber es gab etwas Besseres: das Internet und eine Software namens Napster. Praktisch jedes Lied, das ich mir vorstellen konnte, konnte ich auf meinen Rechner holen und mir zuhause anhören.

Von Napster zum tragbaren CD-Player zum MP3-Handy

Und es kam noch besser. Als Napster seine beste Zeit hatte, kaufte ich mir einen tragbaren CD-Player und brannte mir meine Alben künftig selbst. Einige Jahre später war selbst das nicht mehr nötig: Mein neues Handy hatte 1 GB Speicher und konnte MP3s abspielen. Jedes Lied, das ich wollte, konnte ich nun unterwegs hören, und das in einem kleinen Gerät, das ich ohnehin bei mir trug. Mein Traum war in Erfüllung gegangen.

Doch dabei blieb es nicht: Durch Zufall stellte ich vor kurzem verblüfft fest, dass mein Traum gewissermaßen noch übetroffen wurde. Es stürmte und ich saß in Düsseldorf fest, weil die Bahn den Betrieb vorübergehend eingestellt hatte. Nach einer Stunde Wartezeit am Hauptbahnhof fuhr endlich ein Zug Richtung Bonn. Er hielt in Köln-Deutz, aber statt wie üblich direkt zum Hauptbahnhof weiterzufahren, machte er einen ewig langen Schlenker zum Köln-Bonner-Flughafen und von dort wieder zurück nach Deutz.

Es war halb vier in der Früh, ich war der einzige Fahrgast weit und breit, war zu müde um etwas zu lesen und wäre vor Langeweile fast im Sessel versunken. Ich wollte nur noch dieses eine Lied hören, das mir schon den ganzen Abend im Ohr herumschwirrte, und dabei vor mich hindösen. Also suchte ich das Lied im iTunes Store auf meinem Handy, machte in Gottes Namen einmal Gebrauch von meiner Datenflatrare und stellte mich auf einen minutenlangen Download mit zahlreichen Abbrüchen ein.

Per Mobile Web in zehn Sekunden auf dem Handy

Doch Überraschung: Während der Zug über die Hohenzollernbrücke dampfte, lud mein iPhone kräftig Daten herunter und hatte das Lied in verblüffenden zehn Sekunden auf meinem Handy gespeichert. Ich bezahlte die 99 Cent dafür und hörte es auf der Reststrecke nach Bonn auf repeat.

Was mir daran so gut gefällt? Musik ist stimmungsabhängig. Oft geistert mir ein Lied durch den Kopf, wenn ich meilenweit von meinem Rechner entfernt bin. Und ich würde es einfach gerne sofort hören, weil es so wunderbar zu der Stimmung oder dem Ort passt.

Oft ist es mir auch schon passiert, dass ich mir extra für eine Zugreise eine Playlist zusammengestellt und auf mein Handy geladen habe, dann aber während der Fahrt feststelle, dass ich eins vergessen habe. Schwups, kann ich es mir nun einfach holen.

Jetzt kann es eigentlich nur noch schlechter werden

Das Ganze ist kaum noch zu toppen. Auf iTunes steht einem die größte Musiksammlung der Welt zu einem fairen Preis legal zur Verfügung. Was vielleicht noch fehlt, ist eine Anwendung, mit der ich Songs, die schon auf meinem Rechner sind aber noch nicht auf meinem Handy, von fern synchronisieren kann. Aber das ist dank Cloud Computung und Tools wie Dropbox prinzipiell schon jetzt möglich.

Jetzt kann es eigentlich nur noch schlechter werden. Und wie die Erfahrung mit YouTube zeigt, der einst fast vollständigen Musikvideosammlung, wird es das wahrscheinlich auch. Einzelne Musiklabels könnten höhere Preise verlangen oder aus Protest gegen Apple ihre Sammlung von iTunes zurückziehen. Mobile Datenflatrates könnten teurer oder – was wahrscheinlicher ist – langsamer werden. Der digitale Kopierschutz könnte wieder eingeführt, Musikdownloads auf dem Handy aus rechtlichen Gründen allgemein unterbunden werden.

Alles Schöne hat einmal ein Ende. Dieses Mal vielleicht auch? Egal, denn bis dahin freut sich der kleine Junge in mir darüber, dass Träume in Erfüllung gehen können, wenn auch manchmal erst zwanzig Jahre später.


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4 Responses to Wenn Kinderträume übertroffen werden: Mobile Musikflatrate

  1. Mattes sagt:

    Jaa! Der Leidartikel ist wieder da!

  2. Florian sagt:

    Lieber Jürgen,

    was mich interessieren würde – welches Lied?

  3. klaus sagt:

    Wer sowas wie ffn hört, sollte sich nicht darüber beschweren.

  4. Jürgen Vielmeier sagt:

    @Flo: Weiß ich nicht mehr. Aber das ist mir damals öfter passiert. :)
    @Klaus: ffn war damals noch recht ordentlich und die einzigen Alternativen waren NDR2 und (erst viel später) N-Joy Radio. Noch Fragen? ;)

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