Belgien steht kurz vor der Einführung eines nationalen Burka-Verbots. Frauen mit dem Ganzkörperschleier soll damit der Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und außerdem Einkaufszentren verwehrt werden. Eine hanebüchene Fehlentscheidung, die muslimische Frauen geradewegs in die Isolation treibt.

Ich bin bestimmt kein Freund der Verschleierung und ihrer Extremvariante, der Burka. Aber durch ein Verbot schafft man sie nicht ab, man erreicht damit nur, dass die Trägerinnen das Haus gar nicht mehr verlassen.

Was genau erwarten die belgischen Volksvertreter? Dass traditionelle muslimische Frauen sich jetzt in einem Anflug von Freiheit die Schleier vom Leib reißen und der konservativen islamischen Gesellschaft die nackte Schulter zeigen? Genau das Gegenteil wird doch der Fall sein: Nun nimmt man Burka-Trägerinnen das letzte bisschen Freiheit, das sie noch hatten. Nun schließt man sie endgültig vom öffentlichen Leben aus und treibt sie vollends in die Parallelgesellschaft.

Gleichberechtigung in Europa schon überall vollzogen?

Befürworter des Verbots werden jetzt sagen: “Ja nun, aber irgendwas müssen wir gegen diese unmenschliche Verschleierung tun.” Richtig, aber bitte nicht sowas! Wer mehr Integration und Emanzipation der Muslime will, der muss bei der Bildung ansetzen. Das bedeutet Koranschulen, Koranunterricht, Integrations- und Sprachkurse. Und es bedeutet genauso, dass die europäischen “Ureinwohner” langsam auch etwas über die anderen Kulturen der Welt lernen müssen, die längst unter uns wohnen und hier bleiben werden. Wir sind, verdammt nochmal, nicht alleine auf diesem Planeten!

Selbst mit Integrationskursen wird man die Burka nicht von heute auf morgen abschaffen können. Warum erwarten wir von den Muslimen Dinge, die wir selbst nur mit Mühe sehr spät hinbekommen haben? Stichtwort: Frauenwahlrecht, Arbeitserlaubnis, Aufhebung des Letztentscheidungsrechts.

Der Innenausschuss des belgischen Parlaments hat den Gesetzesentwurf gestern angenommen. Die Vollversammlung soll Mitte April das Verbot aussprechen. Obwohl es nur eine kurze Meldung ist, beschreibt Sueddeutsche.de das Dilemma zwischen den Zeilen sehr treffend:

Als erstes Land in Europa will Belgien muslimische Frauen mit Ganzkörperschleier aus dem öffentlichen Leben verbannen.

Verbannt werden nicht die Schleier, sondern die Frauen.

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6 Responses to Burka-Verbot

  1. Jessi sagt:

    Diese Diskussion ist so unsinnig. Frauen, die von ihren Männern gezwungen werden, Burka zu tragen, werden auch noch auf tausend andere Arten unterdrückt. Da ist die Burka das geringste Problem und eher noch Schutz; sie werden nicht durch eine Kleidervorschrift von diesem Problem befreit, eher im Gegenteil.

    Und Frauen, die aus Überzeugung oder als Zeugnis der selbstbestimmten Religionszugehörigkeit Burka tragen (- ja, die gibt es, vor allem übrigens unter konvertierten Deutschen) werden in der Meinung bestärkt, Deutsche wären kleingeistige, engstirnige, ungebildete und deswegen fremden Religionen gegenüber überängstliche Arschlöcher.

    Und ehrlich: Sie haben damit gar nicht so unrecht.

  2. Jessi sagt:

    Achso: Gilt natürlich in diesem Fall nicht für Deutsche sondern für Belgier. Und zuvor für Franzosen und Österreicher, da war das Burka-Verbot ja auch im Gespräch…

  3. kauz sagt:

    Tut mir leid, aber das seh ich überhaupt nicht so. Und ich lasse mir auch nicht Intoleranz vorwerfen. Für mich sind alle Religionen gleich doof – und mit dem christlichen Gedöns arrangiere ich mich auch. Nur verstehe ich nicht, warum man sich als Autofahrer oder Demonstrant nicht vermummen darf, dies aber unter dem Deckmäntelchen von Religion(sfreiheit) möglich sein soll. Wenn Morden plötzlich en vogue ist in irgendeiner Religion müssen wir das auch gut heißen? Und ob die Burka-Trägerin tatsächlich von deutschen oder belgischen Bildungsprogrammen und -maßnahmen profitieren dürfte, halte ich für äußerst fraglich. Mit laissez-faire auf Veränderung irgendwann, irgendwie und irgendwo zu hoffen, halte ich für naiv. Auch wenn das natürlich trotzdem wünschenswert ist. Aber Minimalanforderungen muss man – aus Respekt vor sich selbst und nicht zur Demokratisierung oder Menschifizierung der Minderheit – auch stellen dürfen.

  4. Jessi sagt:

    Deutschland hat sich nach dem 1. WK gegen ein theokratisches System entschieden, Kirche und Staat sollen angeblich hierzulande getrennt sein. Trotzdem hängen in den Gerichtssälen und Schulen Kreuze, Religionsunterricht wird nur für eine Religion angeboten, christliche Feiertage gelten für alle und die Kirchsteuer geht auch nur an eine einzige Glaubensgemeinschaft.

    Obwohl Europäer hartnäckig theokratisch-geführte Länder kritisieren bewegen wir uns in die gleiche Richtung: Jetzt soll nicht mehr nur die “eigene” Religion überall bevorzugt werden, sondern Zeichen fremder Religion auch noch verboten werden.

    Entweder man arrangiert sich mit jeder Religion oder mit keiner. Und wie schon geschrieben: Nur ein Bruchteil der Burka-Trägerinnen werden gezwungen. Für viele ist ein einfach ein äußerliches Zeichen innerer Überzeugung, ein Teil ihres Menschseins, da braucht es keine “Menschifizierung”. Und die, die gezungen werden haben größere Probleme als ein Kleidungsstück.

    Das jetzt unter dem Deckmantel der Vermumummungsgesetze zu verbieten ist eine Sache. Aber den Frauen zuzuschreiben, sie wollen eigentlich keine Burka tragen, nur weil man selber nicht versteht, wieso – das ist albern und dumm.

    Und geht gegen die Menschenrechte, denn die besagen: „Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit,[...] seine Religion [...] in der Öffentlichkeit oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung eines Ritus zu bekunden.“ Und Burka tragen ist beispielsweise für viele afghanische Frauen, das gleiche, wie das Tragen eines goldenen Kreuzes für Christen: Eine Bekundung nach außen, das Zeichen der Aufnahme in die Gemeinschaft durch einen Ritus, kurz: Ausübung der Religion.

  5. ego sagt:

    Die Diskussion des Burka-Verbots führt völlig am Thema vorbei und ist reine Symbolpolitik, weil es wahrscheinlich in ganz Deutschland keine 100 Frauen gibt, die sich völlig verschleiern. Des Weiteren ist das Verbot in meinen Augen nicht mit dem GG vereinbar.

    Sinnvoll wäre es jedoch endlich die Trennung von Staat und Kirche vollständig einzuführen, d.h.:
    Abschaffung der Kirchensteuer
    Verbot des Tragens von religiösen Symbolen bei Lehrern
    Ein verpflichtender Ethik-/Philosophieunterricht, Religionsunterricht nur als Wahlfach
    Aufhebung der religiösen Bekenntnisschulen, die mit mindestens 85% vom Staat finanziert werden
    Verstaatlichung der caritativen kirchlichen Einrichtungen (auch diese werden über 90% staatlich finanziert, können allerdings eine völlig diskriminierende Einstellungspolitik betreiben, da nicht-christliche Pädagogen, geschiedene, in wilder-Ehe lebende,… nicht eingestellt oder fristlos entlassen werden können).

  6. Kauz sagt:

    Da stimme ich meinem Vorredner völlig zu. Die Diskriminierung von Atheisten geht übrigens in dieser Richtung teils über die von Moslems hinaus. So werden von kirchlichen Krankenhäusern zwar muslimisce Ärztinnen eingestellt, ein atheistischer Psychologe ist aber chancenlos. Die Betreuung von Kranken, Kindern, Senioren ist eine Aufgabe des Staates. Darum soll er sich selbst kümmern (ich will auch kein Kruzifix über meinem Krankenlager hängen haben). Und wenn er es eh zahlt, kann man das auch weglassen.
    Allerdings dürften allein im Bonner Stadtteil Tannenbusch mindestens 100 Ganzkörpervermummte rumlaufen. Beim Einkaufen habe ich dort immerhin schon mal rund 25 auf einem Haufen gesehen.

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