Das moderne Unding: Die Kompaktzeitung
Neulich saß ich im Flugzeug und las Zeitung. Als mein Nebensitzer erkannte, was ich da las, guckte er beschämt weg. Eine junge Mutter schaute mit weit aufgerissenen Augen in meine Richtung und hielt ihrem fünfjährigen Sohn die Hände vors Gesicht. Wenig später bat die Stewardess mich, “derartige Praktiken” doch bitte auf die Zeit nach dem Flug zu verschieben. Diverse Fluggäste würden sich in ihrem Ehrgefühl verletzt fühlen.
Mir aber gefiel die Zeitung und so versuchte ich wenige Tage später, im Kiosk meines Vertrauens ein aktuelleres Exemplar zu erwerben. Der Besitzer lächelte mir wie immer freundlich zu und fragte scherzend, was ich denn heute gerne lesen wolle. Den “Playboy”, die “St.Pauli Nachrichten” oder doch das “Senior Fetisch Magazin”? Ich nannte den Namen der Zeitung. Nein, sagte er kurz darauf entschieden mit gefrierendem Lächeln. Etwas Derartiges führe er nicht, werde er auch nie ins Programm aufnehmen, und im übrigen: dort drüben sei die Tür.
Ich wollte die “Welt Kompakt”.
Na gut, die oben genannten Geschichten haben sich nicht wirklich so zugetragen. Aber spricht man mit Vertretern der Medienszene, beschleicht einen schon das Gefühl, dass die Zeitung genau diesen verschrieenen Ruf hat: zu dünn, zu unseriös, einfach nicht tiefgründig, Totengräber des Verlagswesens, nicht das Papier wert auf dem es gedruckt steht. Im Vergleich zur Haute Cousine der Tageszeitungen wäre die “Welt Kompakt” wie das Frühstück aus einer Kloschüssel. Man wird belächelt, wenn man soetwas liest.
Nach mehrmaliger Lektüre der “Welt kompakt” habe ich einen anderen Eindruck. Die Zeitung ist mit 32 Seiten im Tabloid-Format sehr dünn, kostet 80 Cent und informiert über das wichtigste Tagesgeschehen in einer knappen halben Stunde. Das ist meist das einzige, was Kritiker der verhassten “Bild”-Zeitung Positives abgewinnen können. Dabei ist die “Welt Kompakt” nicht einmal ansatzweise mit dem reißerischen Journalismus der größten deutschen Boulevardzeitung aus gleichem Hause zu vergleichen. Harte Meldungen und Meinungen wechseln zwar ab, sind aber ganz deutlich voneinander getrennt.
Politik, Wirtschaft und Kultur haben bei der “Welt Kompakt” einen für die Zielgruppe (junges Publikum) erstaunlich hohen Stellenwert. Sport und Boulevard halten sich dagegen in Grenzen. Was gleich auf den ersten Blick auffällt und was mir sehr gut gefällt: Die Zeitung ist sehr internetaffin. Auf der Titelseite finden sich die “Tweets des Tages” und ein Hinweis auf die Facebook-Seite der Zeitung. Eine Doppelseite allein über Internetthemen mit einer Kolumne von Jürgen Stüber, und auch in den “seriösen” Rubriken wie Politik und Wirtschaft immer der Aufruf an die Leser, sich mit den Redakteuren über Twitter auszutauschen.
Wird auf Extra-Content wie Videos oder Interviews hingewiesen, erscheint unter vielen Beiträgen eine Kurz-URL oder ein QR-Code, der – mit der Smartphone-Kamera aufgenommen – einen Link öffnet.
Die harten Meldungen werden zum größten Teil gekürzt aus dem Pool der “Welt” übernommen und um weitere Artikel ergänzt. Diese Ergänzungen klingen wie guter Nachwuchs- oder Online-Journalismus. Mir ist aber in der Qualität der Inhalte und der Stichhaltigkeit der Informationen auf den ersten Blick nichts Negatives aufgefallen. Die blogartige Stilform sehe ich eher als moderne Bereicherung.
Man könnte auch sagen: Die “Welt Kompakt” scheint die einzige Tageszeitung zu sein, deren Macher erkannt haben, worum es geht. Wer nicht gerade arbeitslos oder im Ruhestand den Tag auf dem Sofa verbringt, hat doch schon längst keine zwei Stunden mehr Zeit, die die Lektüre der “FAZ” oder der “Süddeutschen Zeitung” zu studieren, inklusive aller Börsenkurse und Kleinanzeigen.
Mir gefällt das abgespeckte Format. Zur Förderung des Journalismus würde ich mir zusätzlich noch eine gute Reportage am Tag wünschen. Ansonsten aber finde ich Länge und Inhalt genau richtig. Das Blatt, das er mittlerweile schon seit sechs Jahren gibt, zeigt den anderen, wo sie in zehn Jahren sein werden, wenn sie überleben wollen. Und da wird es den Platzhirschen nichts nützen, weiterhin Qualitätsjournalismus mit zweistündiger Lektüre zu verwechseln und auf die hinabzusehen, die sich in deutlich kürzerer Zeit gut informieren wollen. Ich bleibe dabei.
11 Responses to Das moderne Unding: Die Kompaktzeitung
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Leidartikel ist das private Blog von Jürgen Vielmeier, Journalist, Redakteur, Autor, Innovationsberater. Leidartikel hat kein festes Thema. Hier poste ich, was ich auf dem Herzen habe wannimmer es etwas zu erzählen gibt.Seiten
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Trotzdem ist die Welt nur ein einseitiges, manipulierendes und subjektiv berichtendens Schmierblatt des Springerverlages, das man wohl nur gut finden kann, wenn man in der geisten Welt des Guido Westerwelle lebt.
Sehe es ähnlich und lese die WK regelmäßig am Morgen. Allerdings fehlt mir von Zeit zu Zeit doch die Tiefe. Als Ergänzung hilft die FAS oder ZEIT. Letztere kommt am Donnerstag und dient zur Wochenendlektüre.
Würde mich über mehr Konkurrenz auf dem “Kompakt”-Markt freuen. SZ Kompakt, FAZ Kompakt – würden nicht schaden.
Hallo!
Zitat: “Wer nicht gerade arbeitslos oder im Ruhestand den Tag auf dem Sofa verbringt, hat doch schon längst keine zwei Stunden mehr Zeit, die die Lektüre der ‘FAZ’ oder der ‘Süddeutschen Zeitung’ zu studieren, inklusive aller Börsenkurse und Kleinanzeigen.”
Geschwätz.
Die Formulierung scheint mir misslungen: Der Nebensatz “die die Lektüre der ‘FAZ’ oder der ‘Süddeutschen Zeitung’ zu studieren” verweist mit dem Relativpronomen “die” auf die “Zeit” im vorangegangenen Satz – heißt also, dass die “Zeit” (die man ja nicht
hat), die “Lektüre der ‘FAZ’ oder der ‘Düddeutschen Zeitung’ studiert”.
Hä? Gemeint ist wohl: [man hat] “keine zwei Stunden mehr Zeit, die ‘FAZ’ oder die ‘Süddeutschen Zeitung’ zu studieren” – denn auch die obien genutzte Formulierung “die Lektüre [einer Zeitung] zu studieren” ist in diesem Zusammenhang blanker Unsinn, denn das hieße, sich genau anzuschauen, wie jemand eine Zeitung liest. Es geht aber darum, wie (oder: ob) man selbst eine Zeitung liest.
Auch inhaltlich ist der zitierte Satz Unfug.
Wer bitteschön hat in den letzten Jahrzehnten denn tatsächlich _alles_ gelesen, was in der der jeweiligen Ausgabe der [__]-Zeitung (gewünschten Namen bitte einsetzen) steht? So gut wie niemand. Deswegen ist der Hinweis auf das (scheinbare) Überangebot an Nachrichten bigott, denn er kritisiert einen angeblich neuen Zustand (nämlich den Mangel an Zeit, alles zu lesen), obwohl es diesen schon gibt, seitdem es Zeitungen gibt.
Beim Zeitunglesen sucht sich jeder Leser das heraus, was ihn interessiert, lässt die Artikel links liegen, die ihn nicht ansprechen – das haben Internet und Zeitung übrigens gemeinsam. Wenn man das Überangebot an Information als Argument gegen traditionelle Zeitungen nimmt, müsste man konsequenterweise auch gegen das Internet sein, das ja ungleich mehr an ungelesener Information, an Überangebot bereithält.
Selbstredend hat das Überangebot der traditionellen Zeitung einen Vorteil: Ich als Leser kann mir aussuchen, was mich interessiert, muss aber (für den Fall, dass ich mal mehr wissen möchte) nicht auf weitere Informationen verzichten – das Ganze gibt es strukturiert und vorausgewählt, so dass ich das alles ohne die Anstrengung der eigenen Themenbeschaffung und -eingrenzung habe.
Dieses Überangebot einzuschränken (wie es die “Welt kompakt” macht), heißt, dem Leser Dinge vorzuenthalten, die ihn vielleicht doch interessieren und vielleicht sogar gebildeter machen könnten.
Das Überangebot zu erhöhen (wie es im Internet vorgelebt wird), heißt, die Nadel im Heuhafen unauffindbar zu machen.
Nur meine Meinung.
Tja, solche Formulierungen sind die Folge, wenn man nur Welt Kompakt liest.
“Wer nicht gerade arbeitslos oder im Ruhestand den Tag auf dem Sofa verbringt, hat doch schon längst keine zwei Stunden mehr Zeit…”
Ich weiß nicht, aber wenn man Morgens eine Stunde fürs Frühstücksfernsehen und dann noch drei Stunden fürs ‘Abendprogramm’ dann kann man sich sicherlich auch entscheiden eine Tageszeitung zu lesen… Und ganz ehrlich gibt es keinen Grund eine Tageszeitung Morgens zu lesen, bei dem ganzen ‘Nachrichtenoverflow’ den Tag über dem man sich kaum verbieten kann.
Volle Zustimmung! Ich bin kein großer Fan von Springer und lese, wenn die ZEIT habe auch gerne zwölfseitige Dossiers. Aber für den Alltag auf dem Weg zur Arbeit braucht man nun wirklich nicht mehr. Gerade durch die Stärkung des Lokalen und die enge Verknüpfung mit Online-Kanälen bekommt man den eindruck, dass hier endlich mal einer Nachgedacht und verstanden hat.
Wer das jetzt für Polemik hält, kann sich ja mal die folgende Übersicht zu Gemüte führen:
http://www.bdzv.de/social_media+M5185fc1aac3.html
Wenn da man nicht trnd.com dahintersteckt….
“Welt Kompakt” ist die einzige Tageszeitung die ich akzeptiere.
Wenn ich in der Bahn beobachte, wie die 80 seitigen Zeitungen “gelesen” werden – reine Papierverschwendung. Genau das haben die dümmlichen Boulevardblätter erkannt. Viel Bild, wenig Text. Genau das Richtige für den deutschen Michel! Für viele “mündige Bürger” ist auch in “WELT kompakt” noch zu viel Text. Den Wissensstand im deutschen Volk kann man alle 4 Jahre an den Urnen ablesen!!!
“…informiert über das wichtigste Tagesgeschehen in einer knappen halben Stunde.”
Schon recht, aber das tun “Spiegel Online” und diverse andere Websites auch. Eine gedruckte Zeitung liest man doch seit vielen Jahren nicht mehr, um schnell das Wichtigste zu erfahren, sondern um sich über Hintergründe zu informieren. In dem Bereich hat ein dünnes Blättchen wie “Welt Kompakt” nicht viel zu bieten.
[...] vor allem Zeit. Trotz meiner Aversion gegen Lobeshymnen aus dem Hause Springer kann ich daher Jürgen Vielmeiers Lob für die “Welt kompakt” in einigen Punkten gut [...]
[...] Nicht mitten in der Woche bei einer Tageszeitung. Noch dazu bei einer, die ohnehin schon sehr nah dran ist am Web, etwa „Tweets des Tages“ und QR-Codes einbaut und viel über das Internetgeschehen [...]