Empire State BuildingIch will hier niemanden beunruhigen, bin aber auch sicher nicht der erste, der diesen Vergleich wagt. Und ihr müsst gestehen: die Parallelen sind erschreckend.

Es fiel mir auf, als ich Anfang des Monats in New York das Empire State Building besichtigte. Das – heute wieder – größte Gebäude New Yorks misst 381 Meter und wurde 1931 eingeweiht – mitten in der Weltwirtschaftskrise. Gut, geplant wurde der Wolkenkratzer schon vor dem Schwarzen Freitag (25.10.1929), aber die dramatischen Kursverluste und die beginnende Eintrübung des Konsumklimas hielt die Bauherren nicht davon ab, das Projekt durchzuziehen. Und viele weitere folgten. Heute sieht es ähnlich aus.

Das Empire State Building war dabei nur die Spitze des Eisbergs. In die gleiche Epoche fällt der Bau vieler weiterer Wolkenkratzer in New York, zum Beispiel das Chrysler Building (319m, 1930), die Wall Street (283m, 1931) und das American International Building (290m, 1932). Nicht zu vergessen das Rockefeller Center, ein Komplex aus gleich mehreren Gebäuden mit dem GE Building als höchstem (259m). Der Bau des milliardenschweren Centers spie der Weltwirtschaftskrise regelrecht ins Gesicht: Er überdauerte die Krise, begann 1931 und endete erst 1940.

Typisch für die Zeit war auch eine schwache soziale Absicherung, eine stark klaffende Schere zwischen Arm und Reich. Auf der einen Seite Verlierer der Krise mit nur geringer sozialer Absicherung, auf der anderen Seite eben reiche Mäzen, die Milliarden von Dollar in Hochhäuser stecken.

Wieder eine Weltwirtschaftskrise und wieder bauen die Mächtigen Wolkenkratzer

Und wie sieht es heute aus? Ebenfalls Weltwirtschaftskrise. Ebenfalls starke Gegensätze zwischen Arm und Reich. Finanzjongleure, die sich von Gott auserwählt sehen, mit dem Geld der Anderen zu spielen, es zu verzocken und trotzdem ohne Konsequenzen davon zu kommen, ja mehr noch: es sogar als legitim verkaufen und ihre gekauften Redaktionen haben, die es ihnen in ihren fingierten Berichten nachplappern.

Und was machen die reichen Leute in den reichsten Staaten der Welt angesichts dieser Ungleichheiten und der Krise? Sie bauen Wolkenkratzer. Diesmal weltweit: Der Taipei 101 steht in Taiwan (508m, 2004), das Shanghai World Financial Center (492m, 2008) in China, der Burj Chalifa in Dubai (828m, 2010), um nur die allerhöchsten zu nennen.

Bei der Liste, welche Wolkenkratzer zur Zeit noch gebaut werden, auch in den USA, wird einem schwindelig: der Shanghai Tower (632m, geplant für 2014), der Makkah Clock Royal Tower in Mekka (591m, 2011), das One World Trade Center in New York (541m, 2013) an Stelle des zerstörten World Trade Centers, sowie das Pentominium in Dubai (516m, 2014) und der Qatar National Bank Tower in Doha (510m, 2014). Um nur die zu nennen, die über 500 Meter groß werden sollen. Es sind noch gut 40 weitere Wolkenkratzer weltweit im Bau, wobei es inzwischen wohl zum guten Ton gehört, sie mindestens 300 Meter hoch werden zu lassen.

Ähnlicher Zeitgeist wie vor 80 Jahren

Kurz gesagt: die ganze Welt darbt vor sich hin, es gibt starke Diskrepanzen zwischen superreich und working Poor. Global betrachtet gibt es nach wie vor Neokolonialismus (fast alles, was wir kaufen, wir von indischen oder chinesischen Arbeitssklaven hergestellt). Geld für Soziales ist nicht da, aber allerorten werden fleißig Statussymbole der Architektur gebaut.

Deutschland ist heute nur ein Teil des Problems und spielt längst keine tragende Rolle im weltweiten Finanzzirkus mehr. Damals schon herrschten in Deutschland allerdings krasse politische Gegensätze und eine – inzwischen bin ich wirklich geneigt zu sagen – eine ähnliche schwache Demokratie wie zur Zeit. Vielleicht sogar mit dem Unterschied, dass mir die heutige noch käuflicher erscheint. In vielen Ländern ist es ähnlich. Wir haben die europäische Freizügigkeit und eine Währungsunion (auch wenn letztere auf der Kippe steht) und trotzdem in fast jedem europäischen Mitgliedsland einen immer offener zur Schau getragenen Nationalismus. Diesmal richtet er sich vor allem gegen die potenzielle Gefahr aus Afrika, Nah- und Fernost und er geht immer öfter von der Politik aus.

Was gibt es noch für Gemeinsamkeiten zwischen damals und heute? Relative sexuelle Freizügigkeit, Amüsement als Kulturgut, die Etablierung eines neuen Massenmediums (damals Radio, heute Internet), Stärkung der Interessen der Wirtschaft zu Ungunsten der Arbeitnehmer und nicht zuletzt einen mutigen aber kraftlosen Pazifismus.

Und wir alle wissen, wie das damals ein paar Jahre später ausgegangen ist…

Getagged mit
 

8 Responses to Von Wolkenkratzern, Wirtschaftskrisen und Weltkriegen

  1. Tueksta sagt:

    Mußt mehr TEDtalks gucken, da erklärt unser Lieblingsschwede, dass Indien und China riesige Mittelschichten heranziehen und die Arm/Reich-Schere dort gerade nicht auseinanderklafft, sondern immer enger wird. ;)

  2. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von leidartikel, Media vs. Mainstream erwähnt. Media vs. Mainstream sagte: Von Wolkenkratzern, Wirtschaftskrisen und Weltkriegen: Ich will hier niemanden beunruhigen, bin abe… http://bit.ly/cyw2sn #Blogs #Politik [...]

  3. Patrick sagt:

    Hey Jürgen.

    Ich kann mir eher vorstellen, dass es eine Korrelation daraus ist, dass vor Krisen heftige Boomzeiten stehen und dabei diese Megaprojekte entstehen. Wenn dann in der späten Planungsphase oder mitten beim Bau die Krise ausbricht, ist es wahrscheinlich immer noch billiger, die Pläne zu Ende zu bringen als alles abzureißen.

    Dass jemand in einer Krise sagt: “Hey seht her, wir sind so scheißreich, wir verbrennen gerade jetzt in der Krise unsere Kohle mit einem Gebäude, das aktuell niemand will…” das erscheint mir nur so mittelplausibel. :)

  4. CRen sagt:

    … und noch eine Parallele: Auch damals schrieben verarmte “kritische” Journaillen so einen Schrott für die Kommunisten. Gebracht hat’s Hitler, Moussolini und Franco. Genützt hat es keinem, sondern nurviel Leid in die Welt gebracht. Abgesehen davon ist Dein Weltbild irgendwie altmodisch, denn Deine dumme Schere (2x im Text) existiert zwar in gewisser Weise, aber auf deutlich höherem Niveau wie in den 1930er Jahren: Damals standen die Ärmsten der Armen in der westlichen Welt vor den Suppenküchen Schlange, heute pissen sie sich ins Hemd, wenn Astra für eine halbe Stunde ausfällt. Statt hier also “früher war alles besser”-Polemik zu verbreiten, solltest Du selber mal genug Kohle verdienen, das wird Dir dann auch die sozialistischen Lämpchen ausblasen ;)

    • Mattes sagt:

      Eieiei…

    • Kauz sagt:

      Und genau deswegen haben wir ja die sozialen Sicherungssysteme – die Politik ist klüger geworden und weiß, den Plebs ruhig zu halten. Als “früher war alles besser” würd ich Vielis Beitrag dennoch nicht lesen – es scheint mir eher, als sehe er da einen Trend hin zu damaligen Verhältnissen. Den sehe ich noch nicht so ganz – vor allem aber sehe ich keine Weltkriegsgefahr. Na gut, wenn die Amis dann endgültig pleite sind vielleicht. Da kommt dann vielleicht wieder ein Texanischer Redneck ans Ruder, der kurz vor Ladenschluss noch mal auf die Kacke haut. Aber sonst… Den Massen im Westen geht’s schlechter als vor 10 – 20 Jahren, aber immer noch viel zu gut für Rebellion. Und im Fernen Osten steigt der Lebensstandard. Die Unruhepotenziale sehe ich eher darin, dass sich die Globalisierung irgendwann totlaufen wird, weil die Welt irgendwann fertig globalisiert ist und man nur noch nach Osten gehen kann, um Lohnkosten zu sparen, wenn man Pazifikquallen das Zusammenschrauben von Handys und Autos beibringen kann, was selbst hochkarätigen Kapitalisten schwer fallen dürfte.
      Eine weitere Gefahr ist vielleicht die Frage, wie lange die KPCh noch die Veränderungen im Griff behalten kann, die sie in Gang gesetzt hat. Was ist mit den Einkindpolitik-Chinesen, die nicht mehr die devoten Massen von einst sind sondern individuelles Glück einfordern. Also den Western Dream leben wollen? Wäre halt die Frage, wie stabil dann diese Gesellschaften bleiben.
      Aber insgesamt bin ich ausnahmsweise mal nicht so pessimistisch. Et hätt noch immer jot jejange, oder so…

  5. Enno sagt:

    Habe ich noch zu wenig Kaffee getrunken, oder ist da ein Logik-Fehler, wenn Du schreibst: “…hielt die Bauherren nicht davon ab, das Projekt abzublasen.”? ;)

  6. Jürgen Vielmeier sagt:

    @Enno: Hast Recht! Hab’s geändert und werd jetzt einen Kaffee trinken. ;)

Einen Kommentar hinterlassen

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Set your Twitter account name in your settings to use the TwitterBar Section.