Sprunghaft, das ist der Deutsche im Allgemeinen. So war ein ganzes Land nach dem überragenden 4:0-Sieg gegen Australien im Freudentaumel und sprach von Weltmeisterschaft, um nach der anschließenden Niederlage gegen Serbien das Ausscheiden in der Vorrunde quasi herbeizuerwarten. Das Team hielt dem Druck stand, hat mit England einen argen Rivalen gleich mit 4:1 besiegt und Deutschland am gestrigen Sommertag eine Art zusätzlichen Feiertag beschert. Und wenn Deutschland nun gegen Argentinien verliert und die WM damit gelaufen ist? Wahrscheinlich werden die Jubler von heute dann wieder nörgeln.

Das macht aber nichts, denn es ist ohnehin absehbar, dass Bundestrainer Joachim Löw nach der WM seinen Job an den Nagel hängt. Das wäre ein richtiger Zeitpunkt und es wäre konsequent. Er ginge nicht vorzeitig und stähle sich aus der Verantwortung wie ein Horst Köhler oder ein Roland Koch das getan haben. Dabei wehte Löw nicht weniger harsche Kritik entgegen als den Politikern. Ob er noch bei Trost sei, die formschwachen Podolski und Klose mit zur WM zu nehmen und leistungsstärkere Spieler wie Kevin Kuranyi und Torsten Frings zuhause zu lassen, fragten sich viele – ich muss zugeben: ich selbst auch.

Wenn sie Motivation brauchen, dann lassen Sie sich vom Chef anbrüllen

Doch Löw hat etwas getan, was ungewöhnlich ist in diesen Tagen: Er hat die ganze, die harte Kritik an sich abperlen lassen und ist seinen Weg unbeirrt weitergegangen. Und wer gesehen hat, welche Macht die Medien haben, um gestandene Persönlichkeiten der Öffentlichkeit abzusägen (siehe Kässmann, Mixa, Kachelmann, Köhler), der weiß, wie schnell viele daran zerbrechen können.

Löw hat aber noch etwas anderes geschafft, was für Erstaunen gesorgt hat: Er hat den Stürmern Lukas Podolski und Miro Klose neuen Mut eingehaucht, die in ihren Vereinen in diesem Jahr zur Bedeutungslosigkeit verdammt worden waren. Bei Klose soll ganz offen das Selbstbewusstsein gelitten haben, seit Monaten hatte er in der Liga nicht getroffen. Löw bekommt beide in wenigen Wochen wieder hin, bringt ihr Selbstvertrauen zurück, lässt sie ihr ganzes Potenzial abrufen, das offenbar nur versteckt war.

Wirtschaftsbosse werden es wohl leider nicht schaffen, die Brücke zu ihrer Belegschaft zu schlagen. Kaum ein Unternehmen, in dem Mitarbeiter nicht tagtäglich daran erinnert werden, dass sie eigentlich nichts zu sagen haben und nur ein kleines Rad im Getriebe sind. Motivieren, fördern? Begriffe aus theoretischen Handbüchern, die doch in der Praxis nicht gelten. Gibt ja genug Akademiker da draußen, die den Job genauso gut machen würden und dabei weniger Kosten verursachen. Wie täglich in Stellenanzeigen zu lesen: Sie sind topmotiviert und bestens ausgebildet, also auf in unseren 12-Stunden-Tag! Sie haben BWL studiert? Na, dann können Sie doch prima bei uns die Kaltaqkuise machen, die bei uns Dialogmarketing heißt. Sinnvoll? Natürlich ist das sinnvoll. Wie – Sie wollen auch noch Geld dafür?

Tja, und Verantwortung? Wenn der Bezahlsender immer herbere Verluste schreibt, obwohl ich doch die Preise fast verdoppelt habe, ja, dann weiß auch nicht. Dann geh ich halt nach einem Jahr aus persönlichen Gründen und kassiere schmerzvoll meine Millionenabfindung. Und wenn ich meinen Ministerposten nicht behalten darf und ich in der Wirtschaft mehr Geld bekomme, dann verlasse ich halt die Politik und schere mich nicht um das, was ich meinem Bundesland eingebrockt habe. Und wenn die Medien mich nicht mehr lieben, dann trete ich als Bundespräsident zurück.

Oder man zieht es eben durch. Unberechtigte Kritik abperlen lassen, den Weg gehen, die Mitarbeiter (Spieler) motivieren, Rückschläge verkraften, sich selbst treu bleiben.

Wir brauchen mehr Jogi Löws – in Wirtschaft und Politik!


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6 Responses to Mehr Löws für Deutschland!

  1. Patrick sagt:

    Da in der Mitte des Artikels ist ein seltsamer Bruch. Da müssen zwei unterschiedliche Texte zusammengerutscht sein ;)

  2. filtercake sagt:

    hehe, schöne brücke vom fussball zur wirtschaft! :-)

    kleiner buchtipp zum thema “durchhalten”:
    http://www.amazon.de/Ignore-Everybody-Other-Keys-Creativity/dp/159184259X

  3. Jürgen Vielmeier sagt:

    @Patrick: Du hast die Brücke übersehen. ;)
    @Filtercake: Sieht gut aus, schaue ich mir mal näher an. thx!

  4. Patrick sagt:

    Ich hab den Ansatz der Überleitung schon verstanden, finde es aber ziemlich weit hergeholt, vom Fuppes auf ein “die da oben”-Lamento umzuschwenken. Vielleicht gab es dafür ja einen konkreten Anlass, mir erscheint das aber eeetwas pauschal ;)

  5. Mattes sagt:

    1. Ich habe niemanden (wirklich niemanden) nach dem Serbien-Spiel übertrieben nörgeln gehört. Eigentlich alle, mit denen ich gesprochen habe, waren recht zufrieden damit, was unsere zu zehnt noch geleistet haben. Was ich dagegen gehört habe waren Leute wie Claus Lufen, die darüber nörgeln, dass alle angeblich nörgeln…

    2. Kuranyi? Wenn man solche Schwachköppe zurück in die Nationalmannschaft lässt, dann bekommt man was? Richtig: Frankreich.

    3. Achso, haben also die bösen Medien die arme Käßmann abgefüllt!

  6. Kauz sagt:

    Da hast du meiner Ansicht nach vollkommen recht. Endlich mal schöner Fußball aus Deutschland, schöner noch als vor vier Jahren – und alles, was du über Löw sagst, teile ich.

    Nur frage ich mich, wieso er hätte Kuranyi und Frings mitnehmen sollen. Ebenso wie Gomez hat Kuranyi in der Nationalmannschaft noch nie Leistung gezeigt, auch wenn sie in der Liga ganz solide, manchmal sogar gut sind. Frings war einer der wichtigsten Spieler 2006 – vielleicht der beste Deutsche überhaupt damals. Aber leider leider hat er seinen Zenith überschritten.

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