Willst du mit mir gehen? Ja, Nein, Vielleicht! Was aus Teenagerzeiten vom Schulhof bekannt ist, gilt auch heute noch, diesmal vor allem im Berufsleben. In den meisten Fällen wird immer noch “Vielleicht” angekreuzt. Für den, der ankreuzt, ist das eine tolle Situation. Er ist begehrt, er weiß, dass der andere an einen denkt und alles für einen tun würde. Für den, der wartet, ist es ein Alptraum. Er hängt in der Luft, oft wochenlang, kann nicht weiterplanen, hat Hoffnung und wird am Ende in der Regel doch enttäuscht.

Ich hab es zuletzt vor allem während der Jobsuche kennengelernt. Im April: Ein Bekannter meldet sich und freut sich, dass seine Redaktion dringend Verstärkung braucht, aber niemanden findet. “Toll!”, freue ich mich, der gerade einen Job beendet hat, “wann soll’s losgehen?” – “Am besten gestern! Ich leite deinen Lebenslauf weiter; die Chefredaktion meldet sich dann bei dir!”

Es dauerte vier Wochen, bis ich eine Antwort bekomme. Vier Wochen, in denen ich jedes andere langfristige Projekt ablehnte. Es war mir halt fast schon zugesagt worden. Vier Wochen, in denen meine Motivation von Tag zu Tag sinkt. Was soll denn das? Ihr wollt mich doch, es war doch sicher – oder nicht? Schließlich ruft der Chefredakteur an und lädt mich zu einem Kennenlerngespräch ein. Es verläuft positiv. Wann ich anfangen solle, frage ich. “Wenn’s nach mir ginge”, sagt der Chefred, “am liebsten vorgestern.” Ich verkneife mir eine Bemerkung.

Wieder höre ich eine Woche lang nichts, erreiche den Chefred nicht per Mail oder Telefon. Also jetzt doch kein Interesse mehr? Ich beginne, mich nach anderen Jobs umzusehen. Dann endlich der Anruf: “Morgen um 11 Uhr geht’s los. Ich stelle Sie dann der Redaktion vor.” Also kein Vorgestern mehr, aber nach über fünf Wochen Wartezeit trotzdem bitteschön ein Sofort.

Die Ungewissheit ist zu einem Lebensgefühl geworden

Szenenwechsel. Eine Freundin bietet mir an, meinen Lebenslauf an ihren Chef weiterzuleiten. Der zeigt sich interessiert und versichert ihr: “Ich rufe ihn am Montag mal an.”

Er meldet sich die ganze Woche nicht. Wenig später finde ich eine Stellenanzeige des Jobs bei einer Personalagentur, bewerbe mich, werde “zu diesem Zeitpunkt” abgelehnt. Na gut, hätte man auch direkter sagen können. Die Personalagentur fragt mich eine Woche später, ob ich Interesse an einem vierwöchigen Aushilfsjob hätte. Habe ich. Der Auftraggeber scheint interessiert, “am Freitag, spätestens Anfang nächster Woche” wisse man genaueres. Es kommt kein Anruf.

Mittwochs rufe ich selbst bei der Agentur an, die leider noch nichts gehört hat. Ich bitte sie, noch einmal nachzuhaken. Und wundere mich selbst über meinen Gedanken: Es geht mir nicht mehr darum, den Job zu bekommen. Ich will einfach nur eine Absage haben, damit ich planen kann, damit ich Bescheid weiß. Damit ich endlich wieder auf den Füßen stehen kann und nicht mehr in der Luft hänge.

Denn das ist in diesen Zeiten zum Lebensgefühl geworden. Gewissheit? Planungssicherheit? Für irgendwas? Fehlanzeige. Die Firmen haben ihre eigenen Unsicherheiten an die Erwerbsfähigen abgewälzt. Sie spielen mit uns. Und wir haben keine Chance, uns dagegen zu wehren. Oder doch?

Wer “vielleicht” sagt, sagt “nein”

Ich hab daraus gelernt. Wenn es keine Sicherheit mehr gibt, dann ist Warten die falsche Strategie. “Wir melden uns dann mal…”? Gut, aber in der Zwischenzeit nehme ich jedes andere Angebot an, wenn ihr mich so wenig nötig habt! Nach spätestens zwei Wochen hake ich selbst nach. Wenn dann immer noch Ausflüchte kommen, sage ich selbst ab. Klingt radikal? Aber wer mich so lange hängen lässt, so viel ist mir inzwischen klar, der will mich auch nicht wirklich.

Es geht nämlich auch anders. Kürzlich ein Vorstellungsgespräch in Köln. Es läuft gut, aber es gibt über 150 Mitbewerber. “Wir haben mehrere Leute eingeladen, und – ganz ehrlich – die wollen wir natürlich alle noch treffen”, sagt die Personalerin. “Dazu bin ich eine Woche in Urlaub. Aber in spätestens drei Wochen melden wir uns bei Dir.” Sie duzt mich – und hält Wort. Nach zweieinhalb Wochen kommt ein Schreiben – per Post: “… vielen lieben Dank für das nette Gespräch und Dein Interesse … Haben wir noch jemanden gefunden, der im Bereich Werbetext noch besser zu uns passt …”

Es ist eine Absage – über die ich mich selten so gefreut habe.


Verwandte Beiträge

  1. Die ZEIT besucht meine Heimat [Update]
  2. Kein Rauchverbot dank dem Föderalismus
  3. Knecht Kunde: Unternehmen lassen uns ihre Arbeit machen
Getagged mit
 

9 Responses to “Vielen Dank für das nette Gespräch. Wir lassen Sie dann mal für unbestimmte Zeit in der Luft hängen.”

  1. Tueksta sagt:

    In der freien Wirtschaft fährt man mit Warten auf dem falschen Gleis. Entweder man fragt dauernd nach bis man ne Antwort bekommt, oder man gibt die Hoffnung auf.

    Man kennt das auch von den WG-Bewerbungen beiderseitig, wer sich nach dem Besichtigungstermin nicht meldet, hat kein Interesse, auch wenn er zuvor Interesse bekundet hat. Sobald Handlungen zu Ritualen werden, muß man das Ritual um erweiterte Handlungen wieder zur ursprünglichen Handlung zurückbringen.

    Ich glaube bei erfolgreichen Bewerbungen wird es bald gang und gäbe sein, nach dem Vorstellungsgespräch nochmals eine schriftliche Nachricht an den Arbeitgeber zu schicken.

    Stand out from the crowd, commit yourself and stay dedicated!

  2. Bloggeresk sagt:

    ich würde echt gerne mal wissen, wie die Leute sich das vorstellen.

    Vermutlich ist das einzig sinnvolle für sich selbst immer so zu tun, als hätte es bereits eine Absage gegeben und weiterzumachen.

    Und wenn dann eine Zusage für einen besseren Job kommt als der den man grade macht- auch Arbeitnehmer haben das Recht in der Probezeit innerhalb von 2 Wochen ohne Begründung zu kündigen :-)

  3. Jürgen Vielmeier sagt:

    Aber Pearl sitzt ganz da unten, wo die Menschen so komisch reden, gar keine Rheinländer sind, Kuckucksuhren an der Wand haben und laut dir alle schon verheiratet sind. ;)

  4. Wenn es so läuft, liegt das vielleicht oft in erster Linie daran, dass die Unternehmen erstens mehr Bewerbungen bekommen als sie verarbeiten können und zweitens schon mal per se keinen vernünftigen Prozess aufgesetzt haben, wie sie mit Absagen umgehen. Schade eigentlich, denn wie dein letztes Beispiel zeigt, könnten sie sich selbst mit einer Absage, die sich an bewährten Standards der Höflichkeit und des Respekts orientiert, kräftig Sympathiepunkte sammeln. Schade auch, weil so nicht nur jede Menge Bewerber künftig unschön vom potenziellen Arbeitgeber denken, sondern weil ja sogar der letztlich erfolgreiche Kandidat seine allererste Interaktion mit den künftigen Kollegen in der Rolle des Bittstellers erleben durfte. Ärgerlich. Und gut, Jürgen, dass du dem mit einer vernünftigen Portion Rückgrat begegnest.

    Off topic, @ Jessi. Als gelegentlicher Leser des Stellenmarkts der BZ habe ich die entsprechende Anzeige von Pearl jetzt bestimmt schon zwei oder drei Mal gelesen und wundere mich ein klein wenig, woran es liegt, dass die Stelle immer noch/schon wieder vakant ist. So schlecht ist doch das Angebot an Arbeitskräften im Großraum Freiburg nicht, oder? Jürgen kennt meine E-Mail-Adresse, wenn du mir etwas dazu erzählen magst, kannst du dich gerne an ihn wenden.

  5. Enno sagt:

    Ich habe auch z.T. Monate später noch Absagen erhalten. Aber wo ist das Problem: Die Firmen warten nicht auf dich, du wartest nicht auf sie. Bei einem “wir melden uns” wird weiterbeworben, als habe das Vorstellungsgespräch nie stattgefunden. Die Firmen, die dich warten lassen, erwarten auch nichts anderes. Kommt zwischenzeitlich die Zusage von woanders und ist man wirklich SEHR an einem Job interessiert, dann – und nur dann – frage ich vielleicht nochmal nach. Grundsätzlich kommen Zusagen immer sehr schnell (außer bei großen Firmen mit Hunderten von Bewerbern). Absagen werden liegen gelassen, weil sie die betreffenden Mitarbeiter keine Lust oder Zeit haben, aber auch weil sie ganz gerne mal abwarten, wie sich der neue Mitarbeiter so macht bzw. ob er nicht doch noch kurzfrsitig abspringt. Meistens werden die Absagen kurz nach dem 1. Arbeitstag eines neuen Mitarbeiters verschickt, manchmal noch Wochen später. Absichtlich.

  6. CRen sagt:

    Das sind keine Rituale, das ist der um sich greifende Wunsch nach Perfektion. Die Arbeitgeber suchen in ihren Anzeigen nach Supermenschen und wollen diese auch tatsächlich haben. Man lässt sich die Zeit in der Hoffnung, dass doch noch jemand “besseres” reinkommt. Risiken möchte man nicht eingehen, Zusagen haben keinen Gehalt. Auch wenn man sich als Freiberufler aus diesem System herauszunehmen glaubt, ist das der falsche Schluss.
    Mein Favorit sind Auftragsausschreibungen für Freie, wo es außer einer Mailadresse keine Kontaktmöglichkeit gibt. Dort sind nicht einmal Absagen mehr die Regel, was mich wirklich abnervt. Und wenn dann doch was kommt, dann am besten – haha – vorgestern, ohne Rücksicht darauf, dass vielleicht andere Aufträge inzwischen höhere Priorität haben. Nein, das nervt.

  7. Jessi sagt:

    Auch Menschen, die keine Rheinländer sind, können nett sein, Jürgen ;) Wir könnten eine Diaspora bilden … und der Rhein ist auch gar nicht weit weg, ich hab ihn letzte Woche noch gesehen :)

    Enno: Natürlich warten die Bewerber. Arbeitlosigkeit ist schließlich kein großer Spaß. Ich war am Ende schon extrem verärgert, wenn Firmen immer wieder versprechen, sich zu melden und es einfach nicht tun. Du gibst dir mit der Bewerbung Mühe, informierst dich, fährst hin – und bekommst nicht einmal einen Einzeiler per Mail.

    Mathias: Keine Ahnung, woran’s liegt. Meine Entscheidung, das Rheinland für den Job zu verlassen, war auf jeden Fall goldrichtig.

  8. Mattes sagt:

    Na du lässt uns ja mit neuen Einträgen auch immer ewig warten! ;)

  9. Fred sagt:

    Ich habe fast 4 Jahre bei einer nicht ganz kleinen Agentur gearbeitet. Wenn Du wüsstest wie da mit Daten, Unterlagen etc. umgegangen wird, würde Dir schlecht. Dadurch, dass man dort auch intensiv mit den Personalabteilungen “richtiger” Unternehmen zu tun hat, kann ich Dir ebenfallsmversichern, dass es da genau so läuft. Egal ob privatwirtschaftliches Unternehmen oder öffentlicher Dienst. Letztere sind sogar noch schlimmer. Stichwort: ICH habe damals das Personal gesucht, welches an der Schadenserfassung der Nord-Süd Verbindung der in Köln arbeiten sollte. Der Ausgang ist bekannt.

Einen Kommentar hinterlassen

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Set your Twitter account name in your settings to use the TwitterBar Section.