Werberelevante Zielgruppe

Musikantenstadl

Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich einmal auf die Barrikaden gehe, weil Volksmusik im Fernsehen ausstirbt. Und es ist wahrlich nicht so, dass ich auf Musikantenstadl und Co. nicht sehr gut verzichten könnte. Was mich stört, ist der Grund, aus dem es passiert.

Schuld ist die “werberelevante Zielgruppe”, das Ein und Alles der Fernsehsender, wenn es um die Einschaltquote geht. Die Gesamteinschaltquote ist den Sendern weniger wichtig als eben jene werberelevante Zielgruppe der Zuschauer von 14 bis 49. Das wird auch von den Branchenblättern so akzeptiert. Meedia.de etwa ordnet die tägliche Liste der Quotenhits der Vortages nicht nach der Gesamtquote, sondern nach eben jener werberelevanten Zielgruppe.

Und die tangiert die Freunde der Volksmusik immer weniger, meldet die “Süddeutsche” im Beitrag “Servus, Grüezi und K.O.”. Die Letzte Show der “Lustige Musikanten” etwa hatte kurz vor ihrer Absetzung im Jahr 2007 noch vier Millionen Zuschauer und davon kaum jemanden in der werberelevanten Zielgruppe. Zu besten Zeiten waren es mal 15 Millionen Zuschauer insgesamt.

Mir macht es natürlich nichts aus, wenn bald im Fernsehen keine Volksmusik mehr kommt. Ich plädiere zwar schon länger für mehr Mut der Sender, etwa auch Shows wie “Mad Men” ins Vollprogramm zu heben und nicht an Spartensender abzuschieben. Genauso wenig aber macht mir Volksmusik im Fernsehen etwas aus. Man kann dem ganz gut entkommen, indem man einfach eine Taste drückt. Persönlichkeiten der Szene wie Heino oder der energiegeladen-durchgeknallte Florian Silbereisen sind mir auf ihre Art nicht einmal unsympathisch. Es dürfte viele Menschen höheren Alters geben, die sich die Shows gerne noch anschauen. Vier Millionen Zuschauer – das ist in Zeiten, in denen die Quoten aufgrund des Long Tail allgemein sinken, eigentlich noch eine Menge.

Und jetzt werden Shows eingestellt, weil Menschen unter 14 und über 49 nicht für die Werbewirtschaft relevant sind. Kaufen die etwa nichts? Gehen die mit geschlossenen Augen durch die Welt und sehen keine Werbung? Oder gibt es etwa gar keine Menschen mehr zwischen 50 und 100? Die demografischen Werte sprechen eine andere Sprache. Es ist schlicht und ergreifend ignorant und dummdreist, Menschen über 50 abzuschreiben. Und es ist ein Reinfall. Die werberelevante Zielgruppe zwischen 14 und 49 wurde in jungen Jahren vom Privatsender RTL eingeführt, der seine Zuschauerzahlen zu Ungunsten von ARD und ZDF hochtreiben wollte, wie der frühere RTL-Vermarktungschef Uli Bellieno der NDR-Sendung “Zapp” gestand. Bellieno:

“Im Prinzip war das ne gewisse Verzweiflungstat. Weil man sonst auch nicht weiter vorankam. Und manchmal sind ja Verzweiflungstaten auch sehr genial.”

Im Zapp-Artikel heißt es weiter unter Bezug auf Bellieno:

Diese Festlegung auf die 14- bis 49-jährigen Zuschauer sei “damals entstanden als wunderbarer Vermarktungstrick von RTL, von Helmut Thoma.” Er habe es “geschafft mit seiner Eloquenz, diese Zielgruppe im Markt zu verankern”. Bellieno weiter: “Wir waren eigentlich selber ein bisschen erstaunt, dass diese Konvention so nahtlos durchging.” Heute gibt Bellieno zu: “Es ist eigentlich eine ziemlich unsinnige Zielgruppe”. Denn 49 Jahre sei “überhaupt kein richtiger Schnitt”. Schließlich arbeiteten und konsumierten die meisten Menschen bis 59 oder gar 65 Jahren, seien also ebenfalls werberelevant.

Für das damals kleine RTL war das in der Tat ein geschickter Schachzug. Dass ARD und ZDF heute aber nach diesem Muster ihr Fernsehprogramm planen, ist einfach nur armselig.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hab ich mir jetzt noch nie drüber Gedanken gemacht, aber ich finde du hast absolut Recht, obwohl ich bei Volksmusik immer Aggressionen kriege. :D

    Sehr schöner Artikel! :)

  2. Einmal abgesehen davon, dass den Fernsehsteuer-Empfängern Werberelevanz doch eigentlich völlig egal sein sollte…