Lehrer

Die Schule lässt einen nie ganz los. Vielleicht, weil sie in dieser sehr emotionalen Phase des Erwachsenwerdens unverhältnismäßig viel Raum einnimmt. Als Schüler ist man tagtäglich nicht nur der dynamischen Herrschaftsform der Klasse ausgesetzt, sondern gleich mehreren politischen Regimen verschiedener Lehrer. Zurückblickend erinnere ich mich an folgende sechs Typen von Pädagogen:

  1. Der Freigeist: Mein Deutschlehrer war so einer. Begnadeter Theater-Regisseur, kräftige, markante Stimme, und es gab auch immer etwas zu lachen im Unterricht. Nur, wenn es um das Stoffliche ging, wurde es prekär. Fragte uns vor der Stunde über Grammatik ab, die er uns noch gar nicht beigebracht hatte und schalt dann die ganze Klasse, wie schlecht wir seien, weil es keiner wusste. Im Nachheinein betrachtet: der Typ Lehrer, der vom Unterrichtsstoff am wenigsten wusste, es nicht vermitteln konnte und seinen Beruf eigentlich verfehlt hat.
  2. Der Diktator: In meinem Falle ein Sport- und Biolehrer. Gibt einem besonders gerne viel Hausaufgaben auf, damit man alles auswendig lernt, reagiert auf Fragen mit Sarkasmus und stellt Schüler vor der ganzen Klasse bloß, die etwas nicht wissen. Im Nachhinein betrachtet: der Lehrer, der es einfach nicht drauf hat, Unterrichtsstoff verständlich rüberzubringen, bei dem man aber doch erstaunlich viel gelernt hat.
  3. Der machtlose Staatschef: Typ Kunst- oder Musiklehrer: Väterliche oder mütterliche Figur, die es nicht so richtig schafft, ernst genommen zu werden oder sich durchzusetzen. Sorgt meist für eine laute Geräuschkulisse in der Klasse, fachlich kommt nicht viel bei rum. Im Nachhinein betrachtet trotzdem der Typ Lehrer, an dessen Unterricht man sich gerne zurückerinnert und oft der Typ, der überraschend gerechte Noten verteilt hat.
  4. Der Kumpeltyp: Nimmt es weder mit den Hausaufgaben noch mit der Pünktlichkeit so genau, hat einen sehr lockeren, fast freundschaftlichen Ton im Umgang mit den Schülern, und in den letzten Stunden vor den Sommerferien werden im Unterricht auch schon mal die neuesten Spielfilme auf Video geguckt. Im Nachhinein betrachtet aber der Typ Lehrer, der erstaunlich schlechte Noten verteilt hat.
  5. Die Labertasche, vor allem in Fächern wie Geschichte oder auch Englisch in der Oberstufe: Unterricht hieß hier, dass vorne einer aus dem Nähkästchen plaudert, während der Rest im Raum sich in eine andere Realität flüchtet. Spätestens ein paar Tage vor der Klausur gerät dann die ganze Klasse in Aufruhr, weil sie keinen greifbaren Stoff zum Lernen hat. Was aber nichts macht, da es eh nur eine Textinterpretation gibt und alle mit einer Note zwischen 2 und 4 wegkommen. Im Nachhinein betrachtet der Typ Lehrer, an den man sich am schlechtesten erinnern kann. Für viele Schüler allerdings auch endlich die Möglichkeit, ihre Nichtaufmerksamkeit in wirklich Produktives umzumünzen, das ihnen im späteren Leben einmal etwas nützen wird: Malen, kreatives Schreiben, Fußball-Tippgemeinschaften.
  6. Der Demokrat. Und dann gab es ihn tatsächlich noch: den Lehrer, der so war, wie man ihn sich immer gewünscht hat. Der alle Schüler fair behandelt und sich gar nicht erst durchsetzen muss, weil ihn schon aufgrund seines Auftretens alle Schüler respektieren. Der den Stoff so interessant und anschaulich rüber bringt, dass man sich auf den Unterricht fast freut. Im Nachhinein betrachtet der einzige Typ Lehrer, den man auf einem Nachtreffen gerne wieder treffen wollte und mit dem es kein Problem wäre, ein gemeinsames Gesprächsthema zu finden. Ich war in meiner Schulzeit auf drei verschiedenen Schulen. Diesen Typus Lehrer gab es in jeder Schule nur genau einmal. Das dürfte in etwa jeder 15. Lehrer gewesen sein, den ich hatte.

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