Ach, Bonn…

Testbetrieb

Vielleicht war es Zufall, dass die Verkäuferin bereits eine der zwei Eingangstüren zugeschlossen hatte, als ich um kurz vor 22:30 Uhr an einem Dienstagabend in die Bonner Bahnhofsbuchhandlung stürme. “Sie haben noch zwei Minuten!”, ruft sie mir entgegen, um direkt danach die Pointe hinterher zu schieben: “Spaß. Bisschen länger schon noch. Schauen Sie in Ruhe!”

Ja, das ist Bonn, wie ich es mag. Höflichkeit, es mal fünfe gerade sein lassen, mal Fremden gegenüber einen Witz reißen, das alles nicht zu ernst nehmen.

Aber auch das ist Bonn, wie ich es kaum noch verstehe: Eine 300.000-Einwohner-Stadt mit dem maroden und hässlichen Provinzbahnhof, in dem der letzte Laden um 22.30 Uhr dicht macht.

Meine Cousine, die in Leipzig studiert, schwärmt mir von dort vor. Kultur, preiswerte Mieten, eine lebendige alternative Szene, viele Menschen, die barfuß durch die Stadt laufen…

Gut, mir eigentlich egal, was die Leute in meiner Stadt an den Füßen tragen. Aber Leipzig steht für etwas. Wofür steht Bonn?

Bonn hat den Ruf langweilig zu sein. Anderswo sei so viel mehr los, auch in gleich großen Städten, höre ich oft.

“Ach ja?!”, schwärme ich dann direkt entgegen. Aber Bonn ist die Beethoven-Stadt! Du hast das Beethoven-Haus (eine Touri-Falle), die Beethoven-Statue (hässlich und unspektakulär), die Beethoven-Halle (alt und marode). Du kannst eine (spießige) Bootstour zum Drachenfels machen – der in Königswinter steht – oder im Sommer in der Sieg baden (die durch Troisdorfer und Niederkasseler Stadtgebiet führt). Du hast die alternative Altstadt (in der an einem Wochentag kaum noch etwas los ist), eine alternative Szene (die sich nach reichlich Problemen mit Ordnungsamt und Lärmmotzkis fast aufgelöst hat). Du hast viel Geschichte der Bonner Republik (und das Bundesviertel in einer Viertelstunde abgefrühstückt) und den riesigen Post-Tower (in dem der Rundumblick über die Stadt der Post-Vorstandsetage vorbehalten ist).

Tja, was hat Bonn denn dann eigentlich noch?

Tolle Menschen, definitiv. Aber sorry, das alleine ist mir etwas zu wenig…

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bonn ist ein Traum – für Angestellte ab 30 Jahren.
    Leipzig ist ein Traum – für die Leute, die Anfang 20 sind und gerne barfuß im Park sitzen.
    Für mich sind beide Gruppen gleichermaßen langweilig.

    Aus meiner Sicht liegt das Problem darin, dass das an kultureller Vielfalt interessierte junge Publikum, sowie die Macher einer jungen Kultur, die Stadt richtung Köln und Berlin verlassen. Die Leute, die noch hier sind, finden also zu wenig Zuspruch und sind letztlich auch nicht ehrgeizig genug. Und die ganzen Angestellten fördern das.

    Und jetzt fragst Du, was Bonn noch hat? Warst Du mal mit den Fußball-Supportern von BONNANZA! saufen? Warst Du mal auf einer der legendären Partys von Horst Burbulla? Kinopremiere von BANG BOOM STALINGRAD (teil I oder II)? Mal bei einem Bloodball-Turnier mitgespielt?
    Das sind alles Unternehmungen mit den Wilden dieser Stadt, die etwas auf die Beine stellen!

    Vielleicht etwas überspitzt, aber ich plädiere dafür, dass die Stadt ihre Fördermittel für die Kultur einstellt. Damit sich etwas neues formen kann. Wer braucht schon das Pantheon mit einer Abteilung der Alanus-Hochschule in den alten Fabrikgebäuden in Beuel? Oper? Schauspielhaus? Beethovenorchester? Das geben sich alles Angstellte ab 30. Gähn.

    In Leipzig sind letztlich einfach mehr junge Leute, und vor allem jene, die gerne dünne Bretter bohren. “Ey, da ist es cool, weil viele da sind. Und die Mieten sind billig.” WIE LANGWEILIG! Aber in Bonn um ein wenig Specialness zu fighten, das ist doch mal richtig tight! Also kommt ran, ihr jungen Mutigen!

  2. Ich habe 27 Jahre in Bonn gelebt und bin jetzt neun Jahre weg. Obwohl nur nach Köln, habe ich Heimweh. Weil Bonn mehr ist als das, was Du beschreibst. Das Provinzielle und Langweilige mag inhärent sein, weil Köln – seinerseits noch viel hässlicher – kulturell und in Sachen Nachtleben alles abschöpft. Warum eine Szenekneipe in Bonn eröffnen, wenn man es auch in Köln kann? Trotzdem ist Bonn eine hübsche, lebenswerte Stadt und das ist mehr als eine völlig überkandidelte “Alternative Szene”, die heutzutage auch nur noch aus überfinanzierten Hipstern und anderem Gentrifiziererpack besteht. Da wo Du wohnst war übrigens bis Mitte der 90er absolute Asigegend. Dann kamen die Alternativen, dann die Gentrifiziererpack. Und die fahren jetzt mit Fahrradhelm und Kindersitz herum und protestieren gegen den Lärm ihrer 10 Jahre jüngeren Alter Egos. Kein Bonn-Problem, aber eines, das das spießige Bonn mit seiner winzigen Szene ganz besonders belastet.