Ich vermisse Raucher und ich hab Rücken

Smoker (Abdulaziz Ceylan)

Wenn eine Berufsgruppe viel raucht, dann ist das die der Journalisten – so ein gängiges Vorurteil. Die Wahrheit ist, dass ich in den vergangenen Wochen an zwei Fortbildungen zusammen mit rund 20 Kollegen teilgenommen habe und keiner von ihnen geraucht hat. Ein weiteres Seminar an der Volkshochschule kam noch hinzu – und wieder: keine Raucher.

Das könnte mir egal sein, mich als einst militanten Nichtraucher vielleicht sogar als Erfolgserlebnis freuen. Das Problem ist nur, dass mir der Arzt vor geraumer Zeit dringend empfohlen hat, mich mehr zu bewegen. Der Rücken, ihr kennt das.

Leider scheint die Botschaft nur bei mir angekommen zu sein. Und so sitzen wir in den Seminaren oft stundenlang, bevor der Dozent merkt, dass die Leute ihm wegschlafen, und er selbst zur Pause ruft. Und dann bin ich nicht selten der einzige, der aufsteht. Wie die anderen das ihrem Rücken gegenüber rechtfertigen – ihre Sache. Inzwischen frage ich häufig einfach selbst nach einer Pause – und gehe dann überraschten Blicken folgend nur ein wenig im Raum auf und ab. Wo soll ich sonst hin? Zu viel Kaffee verträgt kein Mensch, zur Toilette muss man nur alle paar Stunden. Alleine nach draußen gehen?

Ich hatte auf Raucher gehofft! Und wie war das früher schön: In jedem Seminar, spätestens nach 45 Minuten grassierte Unruhe, es reckten sich die ersten Arme. Meist mussten diejenigen aber nicht einmal fragen, der Dozent merkte es gleich selbst: “Wir machen dann mal eine kurze Zigarettenpause.”

Ich bin dann nicht selten einfach mitgegangen, ein bisschen an die Sonne, die Glieder strecken, ein bisschen Small Talk mit den oft redseligen Rauchern. An der frischen Luft macht mir auch das Passivrauchen wenig aus.

Nur, wo sind all die Raucher hin? Haben sie sich den Spaß verderben lassen durch Nichtraucherschutzgesetze, das Verbot in Gaststätten, Flugzeugen, Kinos, schlicht überall zu rauchen? Oder ist es etwa der Gruppenzwang, weil die Nichtraucher jetzt plötzlich in der Überzahl sind? Der selbe Grund, warum die meisten damals überhaupt angefangen haben…

Von der üblen Luft abgesehen trauere ich den Zeiten ein wenig hinterher, in denen man mit Rauchern an die frische Luft gehen konnte. In “guten, alten” Kneipenzeiten hat es auch Spaß gemacht, als Raucher Abende lang mit Bier in der einen und Fluppe in der anderen Hand vom Leben erzählt haben. Das gibt es nicht mehr, schon lange nicht.

Vielleicht sollte ich einfach selbst… Aber nur um etwas Bewegung zu bekommen, wäre das auch eine blöde Idee.

Es gibt tatsächlich einen erstaunlichen Ort, an dem die Raucher noch in der Überzahl sind, und das ist mein Tischtennisverein! Fragt mich nicht, woran das liegt. Vielleicht am Belohnungsprinzip, das sonst oft fehlt. Natürlich helfen mir Raucher dort herzlich wenig. Da habe ich Bewegung genug.

Aber nun, wo soll das hinführen! Kein Small Talk, keine Erkenntnisgewinne in Kneipen mehr. Wozu überhaupt noch Kneipen! Und um meinen Rücken muss ich kämpfen.

Bitte kommt wieder, ihr Raucher! Ich vermisse euch!

Bildquelle: Abdulaziz Ceylan via Flickr unter CC-Lizenz BY 2.0

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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  2. Also, ich vermisse die Raucher nicht. Aber ich habe auch Rücken.

    Es ist jedoch der Alltag, der mir die Sorgen bereitet und den ich Tag für Tag allein am heimischen Schreibtisch verbringe. Um dort nicht Stunden in schlechter Haltung zu verharren, nutze ich statt einer großen Teekanne nun eine kleine. Das beschert mir mehr Wege in die Küche.