Wann haben wir eigentlich aufgehört, Dinge verbessern zu wollen?

Ich komme gerade aus der Heimat wieder und habe mit dem Auto für die Strecke Meppen-Bonn 2:05h gebraucht. Gut, ich bin ziemlich gerast diesmal. Entspannter war die Hinfahrt mit 2:15h – ein guter Wert und man kann dabei trotzdem flott und doch entspannt durch die Lande kurven.

All die Jahre hat die Fahrt viel, viel länger gedauert. 2:45h war eigentlich lange Zeit normal. Ich kann mich aber auch noch an Fahrten erinnern, die länger als 3 Stunden gedauert haben. Dass es jetzt so viel schneller geht, liegt daran, dass Baustellen auf der A31 weggefallen sind. Die Fahrbahndecke wurde in vergangener Zeit erneuert. Ebenso die Ausfahrt Meppen-West, mit der ich seit ihrer Wiedereröffnung geschätzt 10 Minuten sparen kann.

Der Zeitgewinn ist nicht trivial. Wenn ich nun 2:15h fahre statt 3:00h, rechnet der Kopf da eher mit „ungefähr 2 Stunden“ statt „ungefähr 3“. Das ist eine Zeitspanne, die psychologisch wichtig ist. 2 Stunden? Och, kann man ja zur Not auch mal spontan rüberfahren. Vielleicht sogar morgens hin, abends zurück, bevor man sich ein paar Wochen gar nicht sieht. 3 Stunden? Hm, nee, lass ma‘. Hab gerade so viel zu tun…

Man stelle sich vor, man könnte in 2 Stunden von Köln nach Paris fahren, nach Hamburg oder München.

Die Bahn wirbt derweil mit dem Prestigeprojekt Berlin-München in 4 Stunden. Es hätten 3 Stunden sein können, wie der Spiegel damals treffend beschrieben hat. Aber ein Provinzpolitiker hat durchgesetzt, dass Erfurt an die Strecke angebunden wird. Deswegen nun eine Stunde mehr Fahrt, von der – außer in Erfurt – niemand etwas hat.

Von Bonn nach Hamburg dauert eine Fahrt der etwa 450km langen Strecke 4:30h, weil die Bahnen aus einem mir seit jeher unersichtlichen Grund im Ruhrgebiet vor jeder Milchkanne halten. Wanne-Eickel Hauptbahnhof.

In Frankreich zieht der TGV den Weg von Paris nach Marseille in etwas mehr als 3:00h durch. 750 Kilometer! Ohne Zwischenhalt. Das ist länger als von Bonn nach Berlin (was 5 Stunden dauert) und fast so weit wie von Hamburg nach München, wo man fast 6 Stunden fährt.

Ihr werdet mir einen Haufen Gründe nennen können, warum das so ist und warum man daran nichts machen kann. Wir stellen Lokalinteressen und manchmal auch persönliche Interessen über das Gemeinwohl. Vor allem aber über den Fortschrittswillen, vor den Hunger, Dinge besser zu machen. Wir geben wir uns lieber mit Platz 35 zufrieden und sagen: Platz 50 ist ja auch nichts besser als wir.

Wann haben wir damit angefangen? Warum haben wir aufgegeben? Viel wichtiger aber: Wann fangen wir wieder an, Weltspitze sein zu wollen und wie gehen wir das an?

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Auch wenn dein Posting natürlich beispielhaft zu verstehen ist, würde ich hier die wiederum exemplarische Frage aufwerfen wollen: Ist „schneller“ automatisch „besser“?
    Könnte es nicht zum Beispiel auch „besser“ sein, bei gleichem Zeitaufwand weniger Energie zu verbrauchen und Schadstoffe auszustoßen? Könnte es nicht „besser“ sein, eine ICE-Trasse zwischen Berlin und München einzurichten, auf der die Züge zwar fünf Stunden brauchen, die aber dafür in ein gut ausgebautes Verkehrssystem eingebunden ist, das bezahlbare Mobilität für viele Menschen an der Strecke zur Verfügung stellt?

    Und ja, natürlich lässt sich einwenden, dass wir ja auch in Bezug auf solche Ziele keine übermäßig großen Ambitionen an den Tag zu legen scheinen, die Besten der Besten der Besten zu werden(, Sir!). Was ich nur sagen will ist: Blinder Aktionismus, um auf irgendeiner Skala Platz 1 zu belegen (sei das nun Reisegeschwindigkeit, Umweltfreundlichkeit oder vielleicht Reisekomfort), ist mittelfristig vielleicht genau so wenig sinnvoll, wie die Infrastruktur einfach vergammeln zu lassen. Vielleicht ist es besser in vielen Bereichen „Platz 35“ zu belegen als in einer Kategorie auf’s Siegertreppchen zu stürmen und dafür bei vielen anderen Sachen auf Platz 50 zu rutschen.

    • Ach, es muss ja gar nicht überall Platz 1 sein oder auch nur Platz 10. Was mich hauptsächlich stört, sind Selbstgefälligkeit und Augenwischerei. Eine Telekom wirbt mit dem besten Netz. Und kaum fährst du über die Grenze, ist es fast überall doppelt so schnell und doppelt so gut ausgebaut. Die Bahn brüstet sich mit 2h Fahrt zwischen Hamburg und Berlin, dabei hat man die gleiche Fahrzeit schon in den 1920ern erreicht. In manchen Städten wird diskutiert, in Bus und Bahn ein kontaktloses Kartensystem zu erproben, was in Singapur 2003 flächendeckend eingeführt wurde. Und der gute Deutsche trinkt sich sein Bier, denkt sich: Wir sind was Besseres und Flüchtlinge ruinieren alles.

      Als Vergleichsland wird dann Burkina Faso herangezogen. Euch geht’s schlecht? Schaut doch mal, die Menschen dort leben in Wellblechhütten, können nicht mal eben schnell zum Arzt gehen, haben überhaupt keine Bahn. Als wäre das ein Maßstab.