Was fehlt: Ein Social Network

Wisst ihr noch, wie das damals war? Man hatte seinen Freunden etwas mitzuteilen und postete es auf Facebook. Es gab viele Likes, manchmal Diskussionen. Dann ging man weiter und schaute nach, was die Freunde so gepostet hatten, gratulierte, diskutierte, lachte.

Vielleicht waren wir selbst nicht ganz unschuldig an dem, was aus Facebook seitdem geworden ist.

Facebook wurde zu mehr als einem neuen Trend. Es sollte ein zweites Internet werden. Jeder, aber auch wirklich jeder, sollte hier gelistet, auffindbar und aktiv sein. Eine Weile hatte es den Anschein, als würde das gelingen.

Und dann kamen findige Geschäftemacher auf die Idee, das auszunutzen, ihre Marken dort zu präsentieren, auf ihre neuesten Beiträge und Produkte hinzuweisen. Auch für Facebook war die Schonfrist irgendwann vorbei. Mit Marken und Daten musste man nun Geld verdienen.

Wenn ich mir anschaue, was Facebook heute ist, kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Was ich sehe, ist übler als die Bild-Zeitung in ihren schlimmsten Zeiten. Die gleichen wenigen Leute, die dort noch aktiv sind, kreischen mit absurdesten Beiträgen um das kleinste bisschen Aufmerksamkeit, das Facebook ihnen noch gewährt. Lauter, schriller, mehr. Jede Mücke zum Elefanten, jede Rauferei am Berliner Osttor als vermeintlicher Beweis dafür, wie schlecht es um das Land bestellt ist. Ich bereue es jedes Mal aufs Neue, selbst für fünf Minuten dort vorbeizuschauen.

Mich wundert, dass noch nicht alle die Flucht von dort ergriffen haben. Vielleicht ist es eine Art Sucht, die die Leute dort hält. Das wäre verständlich. Ganz sicher aber findet man dort eins nicht: positive Vibes.

Ein Social Network fehlt mir dennoch. Manchmal hat man ja doch etwas, was man mit seinen Freunden gerne teilen würde. Vielleicht einen spannenden Beitrag, den man selbst geschrieben hat, Bilder der jüngsten Urlaubsreise, einen kleinen Alltagsaufreger. Die letzten Male, als ich so etwas überhaupt noch bei Facebook oder Twitter gepostet hatte, gab es ein, zwei müde Sympathie-Bekundungen. Das war’s. Selbst, wenn ich etwas wirklich Wichtiges zu sagen hatte.

Die Alternativen sollen heute wohl Instagram und WhatsApp sein, selbst auf Xing bin ich aus beruflichen Gründen in letzter Zeit wieder stärker aktiv. Aber ein echter Ersatz ist es nicht. In den einen hat man nur ein paar seiner Freunde, und Facebook liest immer noch mit. Das andere nimmt sich selbst zu ernst.

Für die Redaktionen, für die ich damals schrieb, sollte ich jeden einzelnen Beitrag auf Facebook, Twitter und später Google Plus posten. Vielleicht wurde das in der Summe einfach zu viel für jeden Empfänger. Vielleicht haben wir das ganze Fiasko also auch mitverursacht.

Und vielleicht wäre es jetzt wirklich Zeit für ein dezentrales Social Network. Eins, in dem ich ein paar Listen anlegen kann, für Freunde, Bekannte, Geschäftskontakte. Und denen schicke ich hin und wieder Neuigkeiten und sie mir auch. Das Ganze nicht-kommerziell, so wie das eigentliche World Wide Web auch. Etwas, das auf Peer-to-Peer aufsetzt und von jedem selbst gehostet werden kann. Ohne die Not, dass ein Unternehmen mit Investorendruck das Ganze verschlechtern muss, um damit Geld zu verdienen.

Ich denke, das wäre noch einen Versuch wert. Denn irgendeine Art von Social Network, scheint mir, brauchen wir. Und ein echter Ersatz für Facebook sind die anderen bisher nicht.

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