Man könnte seinen Urlaub doch genauso gut in Deutschland verbringen. Oder?

“Stell dich mal hin, die Füße auseinander, die Augen zu”. - “Warum?” - “Siehst du gleich, ich will dir was zeigen.” Also gut. Ich stell mich hin und schließe die Augen. Sie berührt mit beiden Händen meine Hüfte und versetzt mir dann einen kräftigen Schubser von hinten. Mein linker Fuß fängt den Sturz ab. “Ha, siehst du?”, triumphiert sie. “Sehe ich was?”, frage ich erstaunt. - “Na, du bist Linksfüßer und solltest beim Wakeboardfahren eigentlich mit dem linken Fuß voran fahren.” - “Und du meinst, deswegen bin ich heute 50-mal ins Wasser gefallen?” - “Könnte schon sein.” Wir stehen im Hafen von Sekupang und unterhalten uns, als würden wir uns schon ewig kennen. Dabei habe ich Steffi schon Stunden vorher beim Wakeboardfahren gesehen ohne dass einer von uns beiden den Mund aufbekommen hätte. Vor dem Einchecken in die Fähre zurück nach Singapur sitzt sie plötzlich ganz alleine im Terminal, also spreche ich sie an. Sie kommt aus Deutschland, ist Expat und hat ihre inneren Balance wohl schon gefunden.

Ihr Name ist Blah, und das findet sie selber witzig, als sie sich vorstellt. Sie ist Kellnerin in einem Irish Pub am Kata Beach. Vielleicht findet sie auch mich komisch, der nach zwei Guinness und einem Whiskey bei gefühlten 30 Grad schon reichlich angeheitert ist. “Es gibt am Nachbarstrand noch eine andere Bar, die so heißt wie diese hier, und da ist heute Livemusik”, erzählt mir der - nun ja - Oberkellner. Ich komme mit ihm ins Gespräch, als ich ihn frage, warum ein Johnny Walker bei ihm teurer ist als ein Bowmore. Das läge ganz einfach den Einkaufspreisen, erklärt er mir. “Übrigens: Blah fährt nachher noch rüber zum Konzert und nimmt dich bestimmt mit, wenn du sie fragst.”

“Wirst du schnell seekrank?”, fragt Steffi - “Ja, schon”, antworte ich. “Das letzte Mal, als ich mit dieser Fähre gefahren bin, musste ich fast kotzen.” - “Ich zeig dir mal was. Massier mal den Punkt hier.” Sie nimmt meinen linken Arm und legt ihren Daumen in ein Grübchen, etwa fünf Zentimeter unterhalb vom Armgelenkt. “Da ist ein Akupressur-Punkt gegen Seekrankheit. Wenn du das massiert, ist dir nicht mehr schlecht.” Ich probiere es direkt aus. “Es gibt extra so Seefahrer-Armbänder, die man sich um die Stelle binden kann”, erzählt sie weiter. “Das wäre was für meine Schwester”, murmle ich. “Die ist gerade schwanger.” - “Ach echt?”, fragt Steffi interessiert. “Ich war auch schonmal schwanger. Dagegen hilft das auch.”

Blah guckt ein wenig unschlüssig. Mich mitnehmen, wie. “Well, okay”, sagt sie dann. “But only after we’re closed here.” Gegen elf treffen wir uns wieder. Blah startet ihr Moped und bedeutet mir dann, aufzusteigen. “But don’t touch me, okay!”, warnt sie mich. Hatte ich auch nicht vor; ist ohnehin Abenteuer genug. In Thailand gibt es die seltsame Vorschrift, dass nur der Fahrer eines Mopeds einen Helm tragen muss. Die übrigen Fahrgäste - und vier Menschen auf einem Moped sind dort keine Seltenheit - dürfen ohne Helm mitfahren. Blah interessiert sich wenig für die Strecke und den ruhigen Verkehr und dreht sich immer wieder nach mir um, um zu fragen, was ich hier mache, woher ich komme und ob ich verheiratet bin. Sie ist nett. Als wir im Irish Pub am Nachbarstrand ankommen, hat sich die Band - zwei Australier und ein Thai - schon warmgespielt. Sie gucken enttäuscht, denn sie hatten wohl mehr erhofft als nur zehn Gäste.

“You know, in Thailand, the local girls they don’t sleep with you.” Hm, echt? “If you want a girl, you can only take lady from the bar or an Ausländör. But the good girls, they usually don’t even understand English.” So klar sind die Verhältnisse also? Es ist Samstagabend und ich bin nach einem verheerenden Aufenthalt in Patong an einem der ruhigsten Strände von Phuket gelandet. Das einzige Hotel am Platze schmeißt einen Disco-Abend. Aber es sind wirklich nur ein paar aufgetakelte “Lady from the bar” und ebensolche “Ausländör” anwesend. Und so komme ich mit der einzigen Person ins Gespräch, die mir auf den ersten Blick sympathisch erscheint: Einen Niederländer, dessen Vater Afroamerikaner ist und dessen Mutter aus Surinam kommt, der ein paar Worte deutsch spricht, seit Jahren in Thailand wohnt und mir erklärt wie das funktioniert mit den Bar-Mädchen, den “Ausländörn” und den wirklich interessanten Frauen. Er sei übrigens mit einer Thai verheiratet. “Und wie hast du das geschafft?” - “The classical way: I learnt her language, visited her a few times - and then asked her parents for her hand in marriage.”

“It’s a pleasure to play for such a lovely audience”, sagt der Lead-Singer gequält, nachdem ich als einziger stürmisch Applaus klaschte. (Der Alkohol.) An einem Tisch am Ausgang stimmt eine Gruppe westlicher Ausländer ein Geburtstagslied an. Der Sänger prostet ihnen zu: “Best wishes from us, too, for you, Jürgen.” Er meint nicht mich. Wie groß ist wohl die Chance, dass mitten in Thailand bei 20 Gästen in einem Irish Pub noch jemand “Jürgen” heißt? Blah winkt mich zu sich und einer Norwegerin an den Tisch. Ich leiste den beiden Gesellschaft. Sie sei Ex-Stewardess und lebe nun am Polarkreis, sagt die Norwegerin. Warum denn so weit im Norden? Weil es da am schönsten sei. Und zum Ausgleich habe sie Freunde in wärmeren Ländern der Welt, die sie oft besucht, zum Beispiel eben in Thailand. Eine gute halbe Stunde später mache ich mich gut alkoholisiert und in gelöster Stimmung auf den Heimweg. Was ich davon noch weiß, ist, dass sich mir eine “Lady from the bar” in den Weg stellt und mich in ihr Tanzlokal einladen will. Ich sage ehrlich heraus, dass ich einfach nur ein Taxi suche und in mein Hotel will, um meinen Rausch auszuschlafen - nicht ohne ihr ins Gesicht zu strahlen und zu erwähnen, dass ich sie für die schönste Frau auf der ganzen Welt halte. Ich weiß nicht, ob sie mir das abkauft oder ob sie einsieht, dass ich in meinem Zustand ins Bett muss. Auf jeden Fall ist ihr ihr Tanzlokal plötzlich egal. Sie fasst mich um den Ellenbogen, deutet auf die gegenüberliegende Straßenseite und winkt einen Taxifahrer herbei, der mich bald darauf ohne Wucherpreis in mein Hotel fährt. Sie können erstaunlich hilfsbereit sein, die “Lady from the Bar” …

“Mach’s gut, Jürgen”, ruft Steffi auf Deutsch über die verdutzten Beamten und die Wartenden in der Schlange hinweg. “Ich bin gleich noch verabredet, aber wir bleiben in Kontakt, ja?” Sie lacht, denn ich muss wohl ein erstauntes Gesicht machen. Steffi und die Koreaner, mit denen ich die Reise unternommen habe, werden am Schalter der Permanent Residents einfach durchgewunken. Als einziger Tourist muss ich in die Schlange für Nicht-Einheimische und dort die Einreisekarte erneut ausfüllen, auf der man jedes Mal mit mulmigem Gefühl unterschreibt, dass man im Falle von Drogenbesitz die Todesstrafe akzeptiert. “Oh, you’re from Germany!”, sagt der Singapurer Immigration Officer erfreut. “Bun-dös-lee-gah! Bayern Munich, my favourite team!” Ich grinse und beglückwünsche ihn. Ob ein deutscher Zollbeamter einen Singapurer wohl jemals auf was Kulturelles ansprechen würde, zum Beispiel das Essen? Wohl in hundert Jahren nicht…

Epilog: Die Einreise in Dubai dauert fast eine Stunde. Die weiß verschleierten Beamten am Schalter lassen sich viel Zeit, und die ellenlangen, vielleicht zehn Schlangen kommen kaum vorwärts. Hinter mir setzt sich eine gleichaltrige Frau erschöpft auf die Barriere zwischen den Schlangen. “Halten ganz schön was aus, die Dinger”, sage ich erstaunt, mehr zu mir selbst. “Mir geht es nicht gut”, erklärt die Frau auf Englisch mit französischem Akzent. “Ich bin schwanger.” - “Meine Schwester auch!”, entgegne ich überrascht. “Aber wissen Sie was: Ich habe auf einer Fähre nach Singapur jemanden kennengelernt, der mir einen Akupressur-Punkt gezeigt hat, …”

dedicated to Marc B., Nicky & J.

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6 Kommentare.

  1. Toller Artikel, wirklich. Wollte ihn eigentlich nur grade anlesen und bin dann doch bis zum Schluß kleben geblieben.

    Kannst du da bitte ein Buch draus machen?

  2. Dankeschön.

  3. Zeig doch mal ein paar Bilder von den beiden chicks! Blah und die Norwegerin.

  4. Hab da keine Bilder von. Und wenn, dann würde ich sie hier besser nicht veröffentlichen, schätze ich. ;)

  5. Warum nicht?
    Wo wir doch ohnehin alle einen Teil Deines Lebens miteinander teilen? :-)

  6. tolle Geschichte ^^

    hab deine Seite neu entdeckt und scheint ne schöne zu sein =)

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