Stadt und Land + MyHeritage

Streunere ich so mit einer abklingenden Bronchitis aus meiner Wohnung und gehe eine Runde im schwülen Bonn spazieren, kommt mir der Gedanke, warum es eigentlich zwingend eine Stadt sein muss. Die Luft ist schlecht, die Mieten sind hoch. Das Werbevideo vom „Traum vom Eigenheim“ läuft im Schaufenster einer Versicherung. „Traumhafte Villa in Bonn, Altbau, zentrale Lage, 2,5 Millionen Euro“.

2,5 Millionen…

Fassen wir es so zusammen: Es hat nicht nur Vorteile, in der Stadt zu wohnen. Und weil ich gerade ein klein wenig verliebt in Görlitz bin und es ja nicht nur große Stadt und ödes Land, sondern auch viel dazwischen gibt, frage ich mich gerade schon:

Was genau sind eigentlich die Gründe dafür, dass ich lieber in einer Großstadt lebe?

  1. Reisefreiheit. In Bonn habe ich nicht nur die Möglichkeit, nahezu alles zu tun, was ich möchte, ich habe auch einen Bahnhof, einen Flughafen und einige Autobahnen, um mich bei Bedarf schnell woanders hin zu katapultieren. Und ich habe eine noch größere Stadt gleich um die Ecke, wenn ich mal etwas mehr erleben möchte.
  2. Angebotsfreiheit. Ich habe ein breites Kulturangebot (Kinos, Museen, Livemusik, Theater, und wenn das nicht reicht: Köln), ich habe Warenhäuser, Restaurants. Ich habe Möglichkeiten. Dass ich letztendlich nur selten darauf zurückgreife, tut erstaunlich wenig zur Sache. Es geht mehr um das Gefühl es zu können, als es auch zu tun.
  3. Freiheit der Persönlichkeit: Ich kann sein, wie ich will, ohne dass ich dabei schief angeguckt werde. Das ist vielleicht sogar der wichtigste Punkt. Du musst dich weniger anpassen, darfst du selbst sein.
  4. Die Freiheit, nicht erkannt zu werden. Du gehst raus auf die Straße, und die meisten Menschen, die du siehst, kennst du eben nicht. Was auch bedeutet, du kennst ihre Lebensgeschichte nicht und sie deine nicht, und das kann verdammt angenehm sein.
  5. Lebendigkeit. Ich kann um 22 Uhr abends noch etwas unternehmen, einkaufen; irgendwo wird mir jemand ein Bier ausschenken. Auf dem Land ist da längst Zapfenstreich.
  6. Schnelles Internet, Mobilnetz. Auch das habe ich natürlich eher in der Stadt, und auch das ist eine Form von Freiheit.

Zusammengefasst also: Freiheit. Was ja sonderbar ist, denn das Grundgesetzt gilt natürlich auch auf dem Land…

Für die geografische Lage kann das Land nichts, dass die Wirtschaft mit einem entsprechenden Angebot da nicht mitspielt, ist traurig, aber eben Kapitalismus und auch verfehlte Politik. Dass auf dem Land jeder jeden kennt, ergibt sich aus der Sache. Nur eine Frage bleibt: Wieso hat man auf dem Land eigentlich solche Schwierigkeiten damit, dass die Menschen unterschiedlich sind? Woanders herkommen, Dinge gerne anders machen, Anders sein. Das wird auf dem Land schlicht nicht gerne gesehen. Warum eigentlich nicht???

MyHeritage: Ich schaute den Eurovision Song Contest im Mai, MyHeritage war Hauptsponsor und ich als Werbeopfer dachte: Das kannste ja mal ausprobieren. 59 Euro kostet der Spaß, und dafür weißt du ein- für allemal, wo deine Wurzeln liegen. Was da wohl rauskommt! Interessant! Ich registrierte mich.

Bei den Kosten blieb es nicht. Nachdem ich das Startpaket erhalten, die Proben gemacht und versiegelt hatte, wollte der Mann am DHL-Schalter 38 Euro von mir. Bitte was? Na ja, versicherter Versand in die USA (denn dahin musste das kleine Briefsche) koste das eben. Irgendwie kamen wir bei einer Nummer kleiner, nicht versichert, aber immer noch 16 Euro heraus. Dann hieß es warten und warten und heute endlich bekam ich die Ergebnisse online.

Ramba zamba, uh la la! Und?! Die Ergebnisse?!?

Könnten langweiliger kaum sein:

Ich bin also hauptsächlich Skandinavier und zu einem großen Teil noch Engländer und Nord- und Westeuropäer. Also weißer als weiß. 11% Balkantemperament ist wenigstens noch drin. Ansonsten: klassischster WASP, obwohl ich katholisch bin. Ich hatte irgendwie mit mehr osteuropäischem, kleinasiatischen Einschlag gerechnet. Warum, weiß ich auch nicht genau. Wieso ausgerechnet Skandinavien ist mir da schon ein Rätsel. Ich hab da keinen besonderen Hang zu (obwohl’s da echt hübsch ist!).

So oder so: Was mache ich jetzt mit dem Wissen? Und was hätte es geändert, wenn da etwas ganz Exotisches wie, ich sag einfach mal: Uganda, bei rausgekommen wäre? Wenn euch das nicht gerade brennend interessiert, könnt ihr euch MyHeritage sonst auch sparen. Interessant zumindest die – hier nicht abgebildete – Erkenntnis, dass die meisten meiner „Artverwandten“ mittlerweile in den US of A leben. Da hätte ich tatsächlich nicht mit gerechnet.

Früher hieß das mal „Buy 1 get 1 free“ und war irgendwie einleuchtender. Heute kaufe ich 1 und bekomme 1. Ja nun, was denn sonst!

And what the actual fuck?

4 Kommentare

  1. *Stadt/Land – ich als geborener Großstädter der nun seit mehr als 20 Jahren auf dem Land lebt muss ich sagen – jein!
    Klar die Kulturangebote und Mobilität sind klar überlegen, auf der anderen Seite ist die Freiheit im Garten, bessere Luft und Bodennähe auch wichtig.
    Die einengenden Faktoren, die Du heranziehst sind in den letzten 10-15 Jahren oftmals (nicht überall!) klar weniger geworden, bzw. teilweise verschwunden, durch die Vermischung von Stadt-Land-Menschen in bestimmten Gebieten.
    Diese Gebiete finde ich auch am angenehmsten, das sind „Speckgürtel“ um mittlere Städte mit um die 100-200T Einwohner, mit Bahnanschluss und Neubausiedlungen, die Balance zw. Anonymität und Heimat ist hier gut und entscheidend, und
    die o.g. Vorteile einer Großstadt lassen sich durch eine 30-40min Fahrt erreichen.
    Also Jürgen, trau dich, ein Tiny-House in Königswinter, oder so… 🙂
    *Ein Wikinger also – klar, sieht man doch!!! 😉
    Ja, die Frage ist was man mit dem Wissen macht, man Schwager hat daraufhin viel Zeit in Ahnenforschung investiert, und ist, glaube ich, bis ca. 1.400 vorgedrungen…
    Mal interessant, aber am Ende dann doch allen gleich.
    Bzgl. der „exotischeren“ Wurzeln, ich habe mal ein Buch gelesen, ist lang her, an den Titel erinnere ich mich nicht mehr, von einem rothaarigen, amerikanischen Iren, der durch Zufall feststellt das er afrikanische Altvorderen hat, und daraufhin in seinem nazionalstolzen Umfeld nicht mehr klar kommt.
    Was mich bei MyHeritage beschäftigt ist die Datensammlung, aber da habe ich sowieso einen Schaden zu dem Thema.

    • Königswinter eh? Es soll ja Leute geben, die genau aus meiner Wohnung dahingezogen sind. 😉 Ist aber leider auch nicht mehr so billig (und dafür ziemlich überaltert), wie alles, was du als Speckgürtel beschreibst. Also zumindest hier musst du schon ziemlich weit raus ziehen, wo gar nichts mehr ist und auch kein Busfahrer jemals hinfahren würde, damit’s wieder einigermaßen bezahlbar wird.

      Ja, ich glaube, wer Rassist ist, dessen Weltbild kann sowas wie MyHeritage ins Wanken bringen – oder bestärken, wenn so etwas wie bei mir herauskommt. 😉

  2. Moin Jürgen,

    bei der Stadt/Land-Analyse stimme ich dir vollkommen zu. Ich bin zwar auf dem Land geboren, habe aber auch schon einige Jahre meines Lebens in der einer Groß-(oder Riesen) Stadt gelebt. Ich denke da wird es mich auch in naher Zukunft wieder hinziehen, auch wenn ich noch kein konkretes Ziel habe 🙂

    • Puh, warte damit besser noch ein paar Tage bis nach der Hitzewelle! 😉 Da werden es z.B. hier im ohnehin schon heißen Bonn in der Innenstadt meist noch 5-10 Grad mehr als in den Randbezirken. Da drehen die Leute dann auf. Spätestens am dritten Tage siehst du keinen Unterschied mehr zur Zombieapokalypse.

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