Travellog .8: Schlaflos in Bonn, Supermarktschlangenpsychologie

Über eine Karriere als hauptberuflicher Street Photographer geträumt nachgedacht. Von Stadt zu Stadt reisen, paar ironische Bilder schießen und auf Insta hochladen, mit der Ukulele auf dem Marktplatz spielen. Abends zu meiner Freundin in den gemütlichen VW-Bus klettern, auf dem Campingkocher Suppe heiß machen, vor dem Lagerfeuer kuscheln und am nächsten Tag ausgeschlafen weiterreisen.

Würde scheitern an: meinen mangelnden Fähigkeiten, den Finanzen – und daran, dass mir dieses Leben nach spätestens 3 Monaten zum Halse raushängen würde. Aber angenommen, das Finanzielle wäre egal, ob ich Ukulele vor Leuten oder nur für mich spiele, spielte keine Rolle – dann hätte das Potenzial für einen sehr hübschen Urlaub. Im Grunde habe ich etwas Ähnliches gerade hinter mir…

50 Jahre Mondlandung ist dieser Tage. Einer der größten US-Marketingerfolge aller Zeit. Teuer erkauft (die Kosten summierten sich nach heutigen Maßstäben auf etwa 150 Milliarden US-Dollar), aber sicher auch das Geld wert. Mitten im Vietnamkrieg stand die USA zumindest kurzzeitig geschlossen zusammen. Die USA wurden als endgültiger Vorreiter bei Wissenschaft und Technik wahrgenommen und sicherten sich die besten ausländischen Spitzenkräfte. Interessant, wenn man heute liest, dass junge Amerikaner heute lieber YouTuber als Astronauten werden würden. Heute dürften eher China und Indien in die Rolle der größten Wissenschaftsnation schlüpfen wollen.

Weitere Mondlandungen? Werden wohl kommen. Bemannte Flüge ins All gibt es bereits für (superreiche) Privatpersonen. Was ich schon noch gerne erleben würde: den ersten Menschen auf dem Mars.

Bis dahin hänge ich jetzt ungeplanterweise wieder in Bonn fest, leide unter meinem Männerschnupfen und gucke mir statt Marslandungen neue Serien im Fernsehen an.

Matrjoschka (Russian Doll) nimmt nach Folge 3 aber mal so richtig Fahrt auf! Mehr noch: Die Comedy-Elemente verschwinden, was man in Folge 1 noch nervig gefunden hat, gehört plötzlich zum Plot, und es wird eine verdammt gute Geschichte daraus. Hat richtig Spaß gemacht!

Mittlerweile bin ich bei Haus des Geldes Staffel 3 angekommen. Ich weiß zwar noch nicht, warum die da tun, was sie tun, aber es gefällt mir bisher (Folge 2) überraschend gut.

Die Jugend von heute™  will nicht an der Supermarktkasse warten. Pennymarkt, nur eine Kasse geöffnet, ich bin mit meinen 4 Items etwa der Zehnte in der langen Schlange. Das Mädchen zwei Plätze hinter mir hat nur 1 Gurkenglas und will damit nicht warten. Nach einem kurzen Moment geht sie damit einfach an der Schlange vorbei nach vorne. Dort stehen gerade ein paar Typen etwas unübersichtlich kreuz und quer in der Gegend herum. Sie zeigt auf ihr eines Glas, die Jungs winken sie durch. Die anderen zehn Leute in der Schlange werden gar nicht erst gefragt. (Ich hätte sie nicht vorbei gelassen. 😉 Come on, wegen drei Teilen weniger als ich?!) Keiner sagt etwas, die meisten registrieren nicht einmal, was das Mädchen da eigentlich gerade gemacht hat. Man kennt sich ja nicht und keiner weiß, ob sie nicht irgendwie doch zu den Typen ganz vorne gehört. Nicht fair, aber dumm auch nicht gerade. Die meisten würden ja erst hinten in der Schlange anfangen zu fragen. Das geht offenbar schlauer.

Ein anderer, junger Typ, ebenfalls mit nur 1 Item, marschiert an der Schlange vorbei, lehnt sich an der Nebenkasse auffällig gegen das Band, guckt unzufrieden, sucht den Augenkontakt zu unserem Kassierer, sagt kein Wort. Dass Kassierer sieht ihn, nickt ihm zu und drückt die Klingel. „Bitte legen Sie auch in der Mitte auf!“ Wenig später besetzt eine Kassiererin die Kasse in der Mitte, der Typ wird der erste in der Schlange (ich der zweite).

Wir haben mal gelernt, dass man sich im Rahmen eines würdevollen Miteinanders immer brav hinten anzustellen hat. Und wenn man es eilig hat, darf man die Leute vor einem auch mal ganz nett fragen, ob sie einen vorlassen. Aber wo steht dieses Gesetz geschrieben? Gibt es das überhaupt? Auf dem Festival am Bierwagen ist das ja auch nicht so, da gilt das Gesetz des Stärkeren.

Szenenwechsel, neulich im Fußballstadion im Gästeblock, 3. Liga. Nur eine Zapfanlage für alle und bestimmt 50 Leute in der ellenlangen Schlange, um sich den Grottenkick mit einem Bier schöner zu trinken. Ein Typ kommt vom Klo, geht ohne Umschweife direkt nach vorne und bestellt. Die anderen wundern sich: Kennt der da jemanden? Hatte der vorher schon bestellt? Darf der das? LASSEN WIR IHM DAS DURCHGEHEN? Alle ärgern sich, aber maximal gegenüber ihrem Nebensteher, keiner sagt dem Typen was. Ich auch nicht. Soll ich hier vor allen Leuten hysterisch werden? Hört der mich auf die Entfernung überhaupt? Lohnt es sich, deswegen laut zu werden? Nur einer in Hörweite, etwa der Achte in der Schlange, lässt seine Wut raus, beschimpft ihn. Der Vordrängler hört das, guckt verblüfft und ratlos, bleibt aber unbeirrt vorne stehen. Jetzt hat er ja schon bestellt.

Die Frau hinter mir in der Schlange ist außer sich. Sie stürmt nach vorne, um den Typen zur Rede zu stellen. Kleines Wortgefecht, der Typ reagiert weiter entspannt, er bekommt seine Bier und entfernt sich schadlos. Die Frau bleibt vorne – und kommt als nächste dran.

Die Canon EOS R für einen Spättest erhalten. Mann, ist das ein schweres Ungetüm für eine spiegellose! Man wünscht sich fast eine SLR zurück…

Bild des Tages: Urbane Mondlandschaft. Waren das Neil und Buzz?

Es gibt die ersten Analysen darüber, wie Instagram den Tourismus beeinflusst. Es ist natürlich nicht alles negativ, einige Orte profitieren nämlich auch davon. Dass es trotzdem nicht unbedingt die angenehmsten Touristen sind, die dann kommen, nur um ihre elendigen Selfies oder Reisebilder zu schießen, in der Nähe billig unterkommen oder gleich weiterreisen, vor Ort kaum was kaufen, aber ihren Müll dalassen, ist natürlich schon ein Problem. Ich selbst, äh… oh…

5 Kommentare

  1. Toller Artikel!
    Schade, dass deine Tour so ein jähes E de genommen hat. Hatte mich auf weitere Reiseberichte gefreut…
    Von zu Hause erzählen ist aber auch schön.

  2. „Die Jugend von heute™“ – Astrein, jetzt bist du amtlich alt 😉
    Die ungeschriebenen Regeln fürs Miteinander werden immer weniger beachtet bzw. weitergegeben, da sind aber „wir“ als Eltern gefragt – darum wird es sicherlich nicht mehr besser…
    Bei uns verhindern gerade diese Regeln das es am Ende eskaliert, siehe das Fußball-Bier-Thema, was wird aber wenn die „DJvh“ in Mehrzahl ist, stehen dann alle im Rudel an der Kasse und der Erste von Ersten kommt dran?
    Mittelalter…
    Apropos, das „Kassenproblem“ wird mancherorts mit Selbstbedienung gelöst, zuletzt in Dresden im REWE gesehen/ausprobiert, fand ich sehr gut.
    *Deine SW-Bilder finde ich klasse, hab mir überlegt meine alte analoge EOS mit SW-Film (gib es sogar noch zu kaufen!!!), wieder zu beleben, diese Bilder waren damals immer am besten geworden.

    • Ich glaube, da ändert sich gar nicht so viel in unserem Sozialverhalten. Das ist mehr etwas Alt vs. Jung. Die Alten pochen auf Regeln, die Jungen wollen sie brechen. War immer schon so.

      Was meinst du mit „Selbstbedienung“? Also so Selbstregistrierkassen? Die kenne ich auch vom Ikea (da mache ich das gerne, weil es einen Touch Gamification hat) und auch einem Rewe-Markt (da sind sie mir suspekt). Discounter-Betreiber denken anders. Du hast ja meist nur 10cm und 5 Sekunden, um deinen Kram zu verstauen. Die sind nur drauf eingestellt, dass jeder mit dem Einkaufswagen da vorfährt. Das sind die letzten, die den Leuten (sicher nicht ganz zu Unrecht) zutrauen, dass sie bei Selbstregistrierkassen nicht die Hälfte mitgehen lassen.

      Freut mich sehr, wenn ich dich zum Fotografieren animieren konnte! Das erinnert mich an meinen Kollegen Sven, der wieder auf den Geschmack von Polaroid-Kameras gekommen ist. Ich denke, Analogfotografie umgibt immer noch eine Aura der Spannung. Du musst dir genauer überlegen, wann du auslöst, und am Ende führt kaum ein Weg dran vorbei, dass du die Bilder auf Papier „ausdruckst“. Also du hast eher das Gefühl, etwas erschaffen zu haben als bei den tausenden Fotos, die unausgedruckt in deinen Speicherkarten und Festplatten schlummern. Viel Spaß! 🙂

  3. Moin!
    Naa, da ändert sich schon was, auch bei Zwischenaltrigen, lauter und größer, rücksichtsloser ist leider wichtiger geworden…
    Jepp, die Selbstregistrierkassen waren gemeint, wie Du schon sagst, der Spielfaktor hat mich auch gereizt, wie auch der technische Aspekt, Waage/Kamera – wie geht das?, bzw. der Gedanke ob alle ehrlich dabei sind 🙂
    Mal sehen ob die Kamera sich „wecken“ lässt, bin auch gespannt.
    Es gibt ja klare Pro und Kontra, die Größe die Verfügbarkeit (Handy hat man immer dabei), andererseits etwas mehr überlegte und physisch verfügbare Bilder.
    Ich habe letztens angefangen mehrjährige „Sedimente“ an Digitalbildern zu heben, um die besten auf Papier zu bringen (Beweggrund war die Geburtstagsfeier von unserem Großen, da wurde das Fotoalbum rausgeholt/rumgereicht), Fazit – ich habe wegen der Fülle erstmal aufgegeben, spiele mit dem Gedanke alle drucken zu lassen und dann die besten auszusuchen… :-/

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